< KAMINZIMMER

Kuba 2011

Reisebericht

Im Nachhinein gesehen hat die wegen des Schneechaos’ in Amsterdam – es hatte Mitte Dezember dort tatsächlich geschneit – bedingte Umleitung mit Zwischenlandung in Madrid den kommenden Aufenthalt in Havanna bereits irgendwie vorskizziert, was damals aber noch niemand wissen konnte.
Da das von KLM versprochene Hotelzimmer in Madrid nicht gebucht worden war, als wir nach einem langen Tag auf dem Flughafen in München um halb 12 Uhr nachts endlich in Madrid angekommen sind, und der KLM Schalter schon geschlossen war hat uns die nette Dame am Iberia Schalter  ein Zimmer in Barajas vermittelt, dem Ort direkt am Flughafen. Das Hotel war das, was man gemeinhin als eine Absteige bezeichnen würde, ein Neubau für gestrandete Flugreisende, die niemals wieder hier übernachten würden, und irgendwie persönlich verbunden mit der netten Dame vom Iberia Schalter, jedenfalls konnte man sehen, wie sie dort ohne sich zu schämen ein und aus ging. Das Zimmer war denn auch außerordentlich hässlich, aber wir trösteten uns damit, dass man das ja nicht mehr sehen könnte, sobald das Licht ausgeschaltet ist und die Augen geschlossen sind.
Im Zimmer hatte es etwa 30 Grad. Wir baten an der Rezeption, die Heizung kleiner zu stellen, aber der Mann dort legte seine Stirn in Falten und sagte, das ginge leider nicht, die Heizung sei nur zentral zu regeln und wenn er sie runterdrehen würde könnte es sein, dass woanders im Haus dann jemand friere. Er empfahl uns, doch nachts einfach alle Fenster zu öffnen.
Dann gingen wir ‚in den Ort’, also auf den einen Block entfernten Stadtplatz, in eines der Lokale, in denen die Spanier gerade beim Essen waren, es war jetzt etwa halb ein Uhr nachts, Abendessenszeit in Spanien, und tranken an der Bar zum späteren besseren Einschlafen Cognac. Das Einschlafen klappte dann auch ganz gut, in Spanien ist es nicht üblich, den Cognac anhand von Eichstrichen zu bemessen.
Draußen hatte es etwa minus 5 Grad, im Zimmer dann noch immer 30 Grad, alle Fenster wurden wie empfohlen geöffnet, aber plus 30 Grad und minus 5 Grad ergeben keineswegs wohlfühl - 15 Grad, wie man denken könnte, sondern weiterhin plus 30 Grad und minus 5 Grad, gleichzeitig.
Am nächsten Morgen sind wir dann wieder ‚in den Ort’ gegangen zum Frühstücken, in eines der Frühstückslokale, in das die Bajaranser strömten, weil, when your in Rome, act like the romans. Es gab nur Kaffee und wahlweise Churros und Porros, in Fett ausgebackenes salziges Spritzgebäck, das in den süßen Kaffee getunkt wird. Churros sind dünn und lang, Porros kürzer und dicker, was dem Magen aber ziemlich egal ist, er riet, das mit dem act like the barajans besser nicht zu übertreiben.
Danach nach Havanna wundersamerweise erster Klasse geflogen, wahrscheinlich war bei der Umbuchung durch KLM die Touristenklasse ausgebucht gewesen, und haben festgestellt, dass reich besser ist als arm, das werden diejenigen, die immer sagen, Geld – mir doch egal - vielleicht noch nicht beim Autokauf, da ist es tatsächlich nicht so wichtig, aber spätestens dann merken, wenn sie ein Pflegefall werden oder langstreckenfliegen.
Viel Zeit verging mit gutem Essen, bequemen Schlafen und mit Lesen, und dann blieb trotzdem aber immer noch Zeit zum Warten auf die Landung in Havanna. ‚Erst wartete ich langsam, dann immer schneller’ hat Karl Valentin bereits 1935, als er zur Kommunion des kleinen Fidel nach Havanna geflogen war, hinterher seinen Flug einer staunenden Zuhörerschaft beschrieben.

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Wie überall auf der ganzen weiten Welt ist es auch in Kuba keineswegs mehr so, wie es scheint. Das amerikanische Auto aus den 50er Jahren, das uns vom Flughafen in die Stadt bringt, hat einen neuen japanischen Motor und beschleunigt 1a. Leider nicht erneuert wurden die Sitze und die Stoßdämpfer. Es stinkt nach altem Plastik und das Ungetüm schaukelt wie ein Kamel. Jede Unebenheit der Straße, die mehr oder weniger aus einer Anreihung von Unebenheiten besteht, kriecht als dumpfer Schlag von den kaputten Stoßdämpfern über die durchgesessene Rückbank durch den Hintern den Rücken hinauf in den Schädel.
Wenn man dann in Havanna angekommen ist, ist einem kotzübel und man muss sich sofort auf den Balkon seiner Frühstückspension setzen und Rum trinken, und bald ist einem auch gleich nicht mehr so schlecht. Nach einer Weile könnte man dann auch mit dem Auspacken des Koffers beginnen, wenn er denn mitgeflogen wäre, was er aber nicht ist und wir deshalb am übernächsten Tag wieder zum Flughafen fahren. Der Koffer steht jetzt mit vielen anderen Koffern in der Halle, wir fahren zur Frühstückspension zurück, trinken nochmals Rum und packen danach endlich aus, denn erst wenn ausgepackt ist, ist angekommen.
Wir wohnen in einem Casa Particular im Stadtteil Vedado in der Calle 21 Ecke 2 Nummer 803 Appt. 26, 6. Stock, bei zwei Damen mittleren Alters, in einem Bau der an das Bauhaus angelehnten klassischen Moderne aus den 60er Jahren mit Lift, in einem Zimmer im Obergeschoß einer Maisonettewohnung, wie erwähnt mit Balkon, auf dem man sitzen kann und Rum trinken, denn dazu sind Balkone schließlich da.
Alle Zimmer in den Casas Particulares, wie die kubanischen Frühstückspensionen heißen, sind gleich, ein Bett, ein Tisch, ein Sessel, große Fenster mit Holzlamellen davor, aber kein Glas, und an der Decke ein Ventilator. Man liegt im Bett und hört den Geräuschen zu, dem Vogelgezwitscher, dem Autolärm, den Kindern, den Hunden, den Geräuschen aus den umliegenden Küchenfenster, Teller klappern, Wasserrauschen, den Unterhaltungen der Menschen, dem Baulärm, dem Husten, Musik, und alles mehrfach überlagert.
Wenn man aber mit dem Ohr direkt auf der Matratze liegt, hört man bei jedem Atemzug noch dazu die Metallfedern. Viel später, nach Mitternacht, ebben die Geräusche langsam ab und verstummen dann ganz, nur die von den Autos, den Hunden und den Metallfedern nicht.

Gerne wird vornehmlich von Gregor Gysi nahestehenden Kreisen auf den gehobenen Hygienestandard in Kuba hingewiesen und dabei der Krankheitserreger übersehen, der im kubanischen Winter in den kubanischen Gästebetten lauert, das Leintuch. Dem Gast wird ein Leintuch zum Zudecken angeboten, das viel zu dünn ist, um ihn die Nacht über warm zu halten. Husten und Rotzen ist die logische Folge, weil es im kubanischen Winter nachts durchaus frisch werden kann. Zuerst versucht man, sich mit der Tagesdecke zu behelfen. Nützt aber auch nichts, die Tagesdecke ist zu dünn, die Erkältung wird unweigerlich kommen, nicht gleich am ersten Tag, aber nach einer Woche bis 10 Tagen macht sich der Hals bemerkbar. In der untersten Schublade der Kommode liegt eine unglaublich dicke Wolldecke, die ein durchreisender Eskimo vergessen zu haben scheint, die ist aber wiederum zu warm und landet irgendwann mitsamt zu einem Knäuel zusammengeballten Tagesdecke und Leintuch auf den Fußboden, und dann wacht man auf und stellt fest, man liegt jetzt ganz im Freien.

Im Vedado, stellen wir die nächsten Tage fest, gibt es alles für den täglichen Bedarf, einen Markt mit 1a Obst und Gemüse und Fleisch, staatliche wie private Restaurants mit ebenfalls 1a Essen für 5-8 CUC, Schnapsläden, Bäckereien und Imbissbuden mit hässlichen Croquetten, und zwar hässlich von außen wie von innen, für Moneda Nacional. Auf dem Paseo gibt es sogar ein Kaufhaus, dessen Schaufenster den Schaufenstern der Kaufhäuser in Ostberlin von 1974 detailgetreu nachgebildet sind, plötzlich ist man wieder 17, bis man in den Schaufenstern vor der Auslage auch sein eigenes Spiegelbild sieht, und es passt nicht zusammen, das Schaufenster und das Spiegelbild, und wieder einmal stellt man erstaunt fest, dass der Volksmund - und Karl Valentin - doch recht haben, die Jugendzeit, die kommt nicht mehr zurück, noch nicht einmal in Kuba.

Für den nichtalltäglichen Bedarf ist das Angebot schon spärlicher, Kopierparadiese wie ‚bei uns’ an jeder Straßenecke, und Internetcafés, die es in jedem Dschungelkaff gibt, sucht man vergebens, dafür ist aber die Botschaft der demokratischen Republik Nordkorea gleich um die Ecke, was man schließlich auch nicht alltäglich braucht.

Einmal während der drei Wochen fiel auch tatsächlich der Strom für etwa eine Stunde aus, was man als Tourist in einem Land der Mangelwirtschaft und Finsternis auch schließlich zu Recht auch erwarten konnte. Der Stromausfall blieb im praktischen Leben ohne Folgen, die psychischen Auswirkungen danach beim Liftfahren aber sind enorm, Zittern und kalte Schweißausbrüche vom Erdgeschoß bis in zum 6. Stock.
‚Kein Problem’, sagen die Frühstückspensionsdamen ungerührt, ‚bei Stromausfall einfach laut rufen, viele im Haus hier haben Hunde, die hörten so was’. Wir vermuten, dass der Zivilschutz dafür millionenfach speziell trainierte Dackel, um die handelt es sich in Kuba hauptsächlich, verteilt hat. Der Dackel ist der Nationalhund Kubas und heißt hier Salsicha, Wurst.
Also haben wir geübt, socorro, socorro gerufen, aber socorro kann man nicht ordentlich schreien, viel zu viele Silben, hiiilfe ist viel besser geeignet, verstehen die kubanischen Hunde aber nicht.

Nebenan, Appt. 25, ist ebenfalls ein Casa Particular, dort wohnen zwei etwa 100jährige Spanier, die missmutig dreinschauen, wenn man ihnen im Flur begegnet, und die mir schon deshalb unsympathisch sind. Vielleicht schauen sie auch nur so missmutig, weil sie mir unsympathisch sind. Einer der beiden hat sich eines Abends eine junge Kubanerin mit aufs Zimmer genommen, und mit ihr Bier getrunken, was wohl in Kuba an sich nicht ungewöhnlich ist, was er in seinem Fall aber besser nicht hätte tun sollen, denn zuerst wurde er ohnmächtig und danach lag er krank im Bett und es ermangelte ihm an Geld und Wertsachen, und jetzt ist die Aufregung groß, mit Polizei und so, nur wegen dem bisschen Bier trinken mit jungen Kubanerinnen. Wir finden, das geschieht ihm recht. Später lernen wir das aber dann auch noch selbst näher kennen, Bier trinken mit den jungen Kubanerinnen, nur ohne gesundheitlichen Schaden.

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Wenn schon keine Überfälle Seuchen und Katastrophen, dann wenigstens Entbehrungen, Hunger, Finsternis und Fidel Castro, sagen die Touristen, sonst hätten wir auch woanders hin fahren können. Tatsächlich schaut die eine Hälfte von Kuba annähernd so aus wie ein tropisches Urlaubsparadies, die andere Hälfte aber nicht. Die Armut ist in Kuba nicht woanders, irgendwo abseits, in Vororten, in Slums, in Gegenden wo man niemals hinkommen wird, sondern allgegenwärtig, im Vedado und in der Altstadt weniger, in Centro Havanna und Miramar und San Miguel mehr. Nicht zu sehen hingegen ist Fidel Castro, die ganze Zeit über hält er sich bedeckt.
Zu Essen gibt es wider Erwarten auch genug, Kuba hat in den letzten 15 Jahren seit der perioda especial eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht, überall stehen jetzt Läden an den Straßen herum, wo es alles für den Alltag zu kaufen gibt, für Devisen wie auch für Moneda Nacional, die Verkehrsinfrastruktur steht auch, es fahren Busse, Sammeltaxis und Taxis, die Schulen und Krankenhäuser waren vorher schon auf hohem Niveau. Auch der Appell an eine unternehmerische Initiative aus der Bevölkerung blieb nicht ungehört, überall in den Fenstern und Hauseingängen gibt es kleine Kaffeetheken und Frisöre, der Aufschwung  begründet sich also unter anderem auch damit, dass sich ganz Kuba gegenseitig Kaffee verkauft und die Haare schneidet.

An die Revolution vom Silvester 1959 erinnern die allgegenwärtigen Graffitis, Plakate und Fahnen so penetrant, dass man meinen könnte, in Cuba herrscht statt Fidel Castro nur die pure Verzweiflung. Aber noch immer funktionieren die Bürgerkomitees oder der Zivilschutz oder wie die Zivilinstitutionen sonst noch heißen mögen.
‚Ein schändlicher Hort der Bespitzelung’ rufen da die Liberalen, und die Gregor Gysi nahestehenden Kreise erwidern aufgeregt, das möge wohl stimmen, die Komitees würden aber auch das alltägliche Leben staatlich organisieren, wie es das woanders nicht gibt, würden die Kubaner bei Hurrikans davor bewahren, wie woanders Leben und Vieh zu verlieren, und dafür sorgen, dass alles seinen geregelten Gang geht, wogegen die Liberalen wohl allergisch seien.
Bei uns im Casa Partikular ist dann auch fast täglich einer ‚von denen’ vorbeigekommen. Einmal haben zwei jüngere Männer eine revolutionäre Fahne mitgebracht und ‚bitte am Balkon aufhängen’ gesagt, es war aber eine rhetorische Bitte. Eine Frau hat nach den Topfpflanzen geschaut, weil Topfpflanzen der Brutstätte von Mücken sind, die das momentan grassierende Dengue Fieber übertragen, und die Topfpflanzen in Listen eingetragen, dann kam am nächsten Tag ein weiterer mit eben dieser Liste, der die Topfpflanzen chemisch behandelt hat, und wahrscheinlich später kam nochmals einer, der den Erfolg überprüft hat, aber da war ich wohl gerade nicht zu Hause.

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Nachdem wir uns dann schon einige Zeit lang fast täglich mit Stefan, einen der beiden Kurator der Ausstellung, der seit vielen Jahren in Havanna lebt und arbeitet, getroffen haben, mit ihm mehrmals centro provincial de artes plasticas y disegno in der Ausstellung desastres de la guerra waren und auch den zweiten Kurator, Pedro kennen gelernt haben und mit den beiden weitere Details des Programms besprochen haben, vor allem den geplanten Vortrag meiner Begleiterin über ihre Arbeit, und wir Stefan noch keinmal auf die sozialistische Mangelwirtschaft und die karibische Lebensfreude in Kuba aufmerksam gemacht haben, fasst er allmählich Vertrauen.
‚Es ist manchmal nicht ganz einfach mit den Besuchern’, sagt er vage und wird dafür für seine staatsmännische Diplomatie ausreichend bewundert.
Er nimmt uns mit in ein verrauchtes Zimmer in einem Casa Particular in Centro Havanna. Schnell wird klar, dass das ruhige kontemplative Reisen für uns damit vorbei ist.
Im Zimmer stehen zwei Betten, ein Tisch mit 2 Stühlen, ein Sessel und ein Fernseher. In dem einen Bett liegt Marisol, eine etwa 30 jährige Kubanerin. Jan, ihr deutscher Freund und ein Freund von Stefan, sitzt an dem Tisch, der zweite Stuhl ist noch frei. Auf der Bettkante sitzt Aurelia, eine ebenfalls etwa 30 jährige Kubanerin, Stefan setzt sich auf den Sessel, ich auf den freien Stuhl, die ich begleitende Dame neben Aurelia auf die Bettkante.
Die Europäer trinken Rum mit Cola, die Kubanerinnen Bier aus Dosen. Jan und Marisol rauchen.
Es ist eigentlich genau wie früher, an den lähmenden vertrödelten Sonntagen, an denen die Zeit still zu stehen schien, und genau wie früher steht gelegentlich immer einmal einer auf und schaut völlig ohne Grund aus dem Fenster.
Normalerweise ist es in kubanischen Wohnungen luftig, es gibt keine Fenster die man schließen könnte, selbst wenn man wollte nicht, es ist ja kein Glas in den Rahmen, nur Holzlamellen. Man muss sich noch nicht einmal anstrengen, die Zimmer zu lüften, das tun sie ganz von selbst, und Angst davor, im Winter die teure Wärme zum Fenster hinaus zu blasen, nur weil man nicht in muffigen unbelüfteten Zimmern sitzen will, ist unbekannt in einem Land, in dem es überhaupt keine Heizung gibt.
Ausgerechnet dieses Casa Particular aber hat Glasfenster, die zudem geschlossen sind, das Zimmer ist völlig in Rauchschwaden eingehüllt, weil nämlich Marisol, das ist die, die im Bett liegt, sonst eine Erkältung bekommt.
Marisol ist ganz in weiß gekleidet, ist also eine Santeria. Santeria sind Anhänger eines animistischen afrokaribischen Religion. Aurelia, die Kubanerin auf der Bettkante, hat gelbe Hosen an, ist also keine Santeria und raucht auch nicht.
Die Gespräche drehen sich um das Verhältnis von Aurelia, sie ist die Freundin von Stefan, und Marisol. Die Freundschaft von Jan mit Stefan scheint ein Problem für Marisol zu sein, weil die Freundin von Stefan aus San Miguel kommt, eben Aurelia. Marisol kommt zwar ebenfalls aus San Miguel, hat aber San Miguel hinter sich gelassen und wird nun plötzlich wieder damit konfrontiert, schlimmer noch, mit San Miguel in Verbindung gebracht.
‚Die beiden verstehen sich wieder’, sagt Stefan, der Freund der Gelben im Sessel, zu Jan, dem Freund der Weißen auf dem Stuhl, nach längerer und wie es scheint völlig unergiebiger Diskussion. Dieser nickt unbestimmt. ‚Die beiden verstehen sich wieder’, sagt Stefan jetzt auch zu mir. Es ist offensichtlich, dass das nicht stimmt, ich kann aber schlecht nach wenigen Stunden der Bekanntschaft unmaßgebliche Meinungen kundtun. Ich sage daher, das sei aber schön.
Stefan zeigt uns später den Wunschzettel, den Aurelia ihm geschrieben hat:
Fernseher
Haus
Musikanlage
Deutscher Ehemann
Frische Blumen
In dieser Reihenfolge.
Er hat eine Kunstpostkarte daraus gemacht, Titel ‚Amor’.

Die zugezogenen Europäer veranstalten Ausstellungen, Vorträge, Lesungen, zu denen ihre kubanischen Freundinnen nicht erscheinen werden. Die dunklen Frauen finden nicht, dass ihnen ein Zugang zu einer ihnen fremden Kultur abgeht, sie finden, was fehlt ist Geld.

Nachdem über die zwischenmenschlichen Beziehungen für den Moment genügend gesagt ist wenden sich die versammelten Europäer dann wieder sich selbst zu und irgendwann stellt man verwundert fest, es ist nicht nur das Szenario, das den bleiernen Sonntagen längst vergangener Zeiten gleicht, es sind auch wortwörtlich die gleichen Gespräche. Was neu ist, dass Kubanerinnen zugegen sind. Die Chicas hacken währenddessen auf ihren Mobiltelefonen herum, eine Krankheit, die sich in rasender Geschwindigkeit über die ganze Welt verbreitet hat und vornehmlich jüngere Mädchen und Frauen befällt.

Einschub:
Notiz in der SZ vom 9. 4. 2011
Roberto Blanco, 73, Schlagersänger,
hat der Bildzeitung zufolge am Samstag seine 40 Jahre jüngere Freundin Luzandra Straßburg auf den Seychellen geheiratet. Die beiden hätten sich im Beisein eines christlichen Priesters das Jawort gegeben, zitiert das Blatt Medienanwalt Michael Scheele. Blanco habe die 33-jährige Kubanerin ‚auf dem Rücksitz eines Taxis’ kennen gelernt.

Irgendwann fangen die Chicas dann an zu quengeln. Sie wollen jetzt endlich gehen.
‚Eine gute Idee’, meinen wir erfreut. Auch Stefan und Jan fügen sich und wir fahren mit zwei Taxis in ein Devisenrestaurant.
‚Langosta’, sagen die dunklen Frauen bereits beim Eintreten in das Lokal. Die Chicas, das stellt sich im Laufe der Reise noch heraus, sagen statt ‚Grüß Gott’ immer ‚Langosta’, wenn sie ein Lokal betreten, auch wenn sie gar keinen Hunger haben, dann eben aus Prinzip, und ‚Taxi’ statt ‚Adios’, wenn sie das Lokal wieder verlassen.
Die hätten aber doch genügend Zeit, den Omnibus zu nehmen, die haben doch sonst nichts zu tun, denkt man da, deutsch wie man ist. Die Europäer, die schon länger in Kuba sind, aber zucken nur mit den Achseln, lächeln gequält und zahlen, Langusten, Taxi, Mobiltelefon, Turnschuhe, was eben so anfällt.
‚Bin ich eigentlich zu geizig’? fragt Stefan.
Wir sagen, das können wir mit unseren deutschen Vorstellungen nicht beurteilen, schlagen stattdessen vor, statt den Chicas den Lebensunterhalt mitzubezahlen doch lieber in die Chicas zu investieren, in ein Gewerbe, oder einen Arbeitsplatz in der Tourismusindustrie, bei dem Pesos Convertibles eingenommen werden können.
‚Das wird nicht funktionieren’, sagen die weißen Männer unisono.
‚Aber in der Karibik gibt es zahllose Beispiele von einheimischen Frauen, die einflussreiche Geschäftsfrauen wurden, Königinnen, Mittlerinnen zwischen den Kulturen, mit eigenen Häusern und eigenen Dienstboten’, werfen wir ein.
‚Nach dem Tod ihrer weißen Ehemänner’, brummt Stefan.

Es sieht so aus, als würden die dunklen Frauen die weißen Männer ausnehmen, aber das ist ganz verkehrt, es ist nur das klassische Rollenverständnis, das uns verwundert, weil wir seit der Lektüre der Reportage von Egon Erwin Kisch über die Oktoberrevolution in Russland meinten, dass es diese Rollenverteilung im Sozialismus nicht mehr gäbe. Wir begeben uns mit unserer vorgefassten Meinung auf dieselbe Stufe mit den die ‚sozialistische Mangelwirtschaft und karibische Lebensfreude’ suchenden Touristen und senken beschämt das Haupt. Die dunklen Frauen rächen sich nur, für endlose öde Stunden in öden angemieteten Zimmern, für keine gemeinsame Kommunikation, für unzählige Versuche, sie für eine Welt zurechtzubiegen, die ihnen fremd ist.
Ich denke mir zwar noch, ‚it is your life, you could have run away’, aber das ist vielleicht schon wieder zu deutsch gedacht, die Chicas würden es jedenfalls nicht verstehen.

Am Heilig Abend kochen wir dann in unserer Frühstückspension für unsere neuen Freunde Bolito Misto mit Jucca, Broccoli und Salsa Verde und Mayonnaise. Sigi und Jan bringen ihre kubanischen Freundinnen Aurelia und Marisol mit, was naheliegend ist, was sich aber als nicht sehr nett von ihnen herausstellt, weil nämlich die kubanischen Freundinnen außer bei den Gesprächsthemen jetzt auch noch mit einem Essen überfordert sind, das ihnen fremd ist. Sie kennen das Essen zu Hause, Kohl, Schweinefleisch, schmutziger Reis und aus dem Lokal kennen sie Langustencocktail und Langusten, auch noch Pizza und Spaghetti, Salsa Tomate. Bolito Misto mit Jucca, Broccoli und Salsa Verde und Mayonnaise kennen sie nicht und kommt ihnen auch nicht auf den Teller. Während wir essen geht abwechselnd eine von ihnen auf die Toilette und die andere ruft sie auf dem Mobiltelefon an. Nach dem Essen ziehen sie sich dann ganz zurück und wollen lieber fernsehen schauen als den Heiligen Abend mit zwei älteren wohlhabenden weißen Kubanerinnen, zwei älteren Touristen und zwei älteren Europäern verbringen zu müssen, die eine andere Sprache sprechen und andere Dinge essen, als sie es kennen.

Woher die Chicas allerdings immer wissen, was im Fernsehen kommt, vor allen wann welche Telenovela spielt, ist nicht heraus zu bekommen In Kuba gibt es mittlerweile alles mögliche zu kaufen, nur keine ordentlichen Zeitungen. Es gibt keine Zeitungen in den Lobbys der internationalen Hotels, es gibt nirgendwo welche. Überall auf der Welt gibt es Zeitungen, nur in Kuba nicht. Keine Tageszeitung, keine Illustrierte, keine Magazine, keine Fachzeitungen für Tauchen und Schnorcheln, Jäger und Hund, Mobiltelefone, Geländeautos, Kragenknöpfen aus Hirschhorn oder Kochrezepte von Jamie Oliver, noch nicht einmal eine Fernsehzeitung.
Nach einiger Zeit sind mir dann kurz hintereinander gleich zwei Zeitungskioske in Havanna aufgefallen, die bis auf den einsamen Zeitungsverkäufer darin praktisch leer waren.

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Wem das Leben in Deutschland zu einfach geworden ist, dem kann nur geraten werden, nach Kuba zu ziehen.
Hier ist alles kompliziert, die Aufenthaltsgenehmigungen, das Wohnen, das Arbeiten, jeglicher Transport von Deutschland nach Kuba und zurück, die Beziehungen und die Sprache.
Auch wer bereits 12 Kurse in Spanisch besucht hat muss nicht glauben, dass er sich hier einfach mir nichts dir nichts mit Einheimischen unterhalten kann. Egal was man auch sagt, man wird die Antwort nicht verstehen. Die Kubaner verschlucken alle s, etliche weitere Konsonanten, die restlichen Konsonanten, wenn denn tatsächlich welche übrig bleiben sollten, werden grundsätzlich weich ausgesprochen, also d gilt für d und t, b für b und p etc., und ganze Silben, so sie ihnen überflüssig erscheinen, fallen auch weg.
Nach einigen Tagen nimmt das Verständnis für die kubanische Sprache zu, ohne wirklich etwas zu verstehen, aber zumindest kann man sich jetzt, wenn man in Punta Gorda aussteigen will und der Omnibusfahrer Unaoda ruft, angesprochen fühlen.
Aber Vorsicht vor zu viel Assimilation. Wenn Sie von der freundlichen Dame aus Almeria, die als Spanischlehrerin bei der Volkshochschule etwas zum Haushaltsgeld beiträgt, gelernt haben, dass ‚wo ist die Omnibushaltestelle’ ‚donde esta la parada de los autobuses’ heißt, und nach der Reise im 13. Kurs stolz Ihre neuen Kenntnisse präsentieren und ‚doedalabaradaubu’ sagen, sie wird es ihnen nicht danken und Ihnen anerkennend auf die Schulter klopfen, sondern missbilligend den Kopf schütteln und überlegen, wie sie Sie ohne Aufsehen zu erregen aus dem Kurs werfen kann.
paperlapapapp heißt auf kubanisch übrigens blaablaablaa. Ein wichtiges kubanische Wort ist auch ahorita – gleich, d.h. also später, respektive nie. Auf bayerisch: ja ja.
Und noch ein wichtiges Wort: pobrecita – der/die Ärmste.

Um vom casa particular zum Museum centro provincial de artes plasticas y disegno zu kommen, in dem die Ausstellung Desastres de la Guerra stattfindet, an der die ich begleitende Dame teilnimmt, fährt man mit der maquina, dem Sammeltaxi, zum Capitol und läuft dann durch die Altstadt. Maquinas sind immer alte Straßenkreuzer aus den 40er und 50er Jahren, die entweder neue Motoren, neue Stoßdämpfer oder neue Sitze haben, aber niemals gleichzeitig.

Fast jeden Tag treffen wir auf andere kubanische Künstler, die dort ausstellen, ausgestellt haben, dort ausstellen werden oder auch nur im Museum vorbeischauen um Freunde zu besuchen. Mit Pedro und Jonny Depp, also nicht dem echten, sondern nur mit Lamotte, dem kubanischen Jonny Depp, gehen wir in ihre Werkstatt, ein Ladengeschäft in Centro Habana. In der Werkstatt produzieren viele weitere Künstler unglaublich viele Drucke, Siebdrucke, Linoldrucke, Lithographien, keine Ölbilder, weil Öl und Leinwand Mangelware. Hinter der Werkstatt ist ein Hinterhof, der so baufällig ist, dass selbst in Kuba ein Schild vor dem Betreten warnt.
Stefan und Pedro suchen Drucke aus für eine Ausstellung im Sommer 2011 in der Pasinger Fabrik, und Aurelia fertigt eine Liste mit Titel und Preis. Die kubanischen Künstler nennen hohe Preise.
‚Das ist zu teuer, das entspricht dem Jahresverdienst eines Arztes in Kuba’, sagt Stefan.
‚Der Jahresverdienst der Ärzte steigt aber nicht, wenn die Künstler weniger verlangen’ wenden wir ein. ‚Richtig müsste es heißen, das entspricht dem Stundenlohn eines deutschen Facharztes, und der soll das Zeug, das ja keinen Kunstmarktwert hat, schließlich kaufen.’
Aurelia fertigt noch schnell von Hand eine Kopie der Liste, da Kopierparadies überall woanders, nur nicht in Kuba.

Kunst in Kuba hat eine lange Tradition, wie nirgendwo in Mittel- und Südamerika, mit Ausnahme von Mexiko, Brasilien und Argentinien gibt es, und gab es schon vor 1959, international anerkannte Künstler und eine Ober- und Intellektuellenschicht, die ihre Kunst zu schätzen weiß (Da die Frühstückspensionen in der Regel von dieser Bevölkerungsgruppe betrieben werden, kann man dort auch oft 1a kubanische Kunst an den Wänden hängen sehen).
Mangels Kaufkraft arbeiten manche der Künstler gegenwärtig allerdings zweigleisig, in den Touristengalerien in Habana Vieja sieht man gelegentlich kleine miserable Werke von Kubanern, die man eben erst als richtige Künstler kennen gelernt hat.
Befremdlich wirkt auch die allgegenwärtige Auseinandersetzung der kubanischen Künstler mit der gemeinen Espressokanne aus Aluminium, die in Vorespressomaschinenzeiten auch bei uns nach dem ersten Besuch in Italien in keinem Haushalt fehlen durfte, und die, wenn sie auf der Herdplatte vergessen wurden, ganz ohne künstlerisches Zutun verschmurgelten und die Wohnung auf Monate unbewohnbar machten. Espressokannen als Gemälde, als Skulptur, als Druck, als Installation und wahrscheinlich auch als Video, als solches selbst jedoch nicht gesehen, künstlerisch aufbereitete Espressokannen in Galerien, in Ausstellungen, und sogar im Museum für moderne Kunst. Woher diese postrevolutionäre Wahl des Subjekts kommt bleibt ein Rätsel, das erst die Kunstgeschichte lösen wird. Die Dame, die etwas von Kunst versteht, sagt aber nicht Kunstgeschichte, sondern Kitschgeschichte.

Läuft man vom Vedado statt in Richtung Altstadt zu dem Platz, auf dem das José Marti Denkmal steht und das riesige Che Guevara Portrait an der Hauswand hängt, und seit neuestem daneben noch ein Portrait von Camillo Cienfuegos, kommt man an mehreren der berühmten innerstädtischen Gemüsegärten vorbei. Die städtischen Gemüsegärten Havannas sind zwar letztlich nur kleine innerstädtische Gärtnereien, wie es sie bei uns auch gibt, zum Beispiel in der Schleißheimerstraße, sie haben es aber im Gegensatz zu dem Gemüsegarten in der Schleißheimerstraße bis ins anarchistische Handbuch ‚Der kommende Aufstand’ gebracht, ‚L’insurrection qui vient, die Praxis des Mimikry und der Subversion’. Ob die städtischen Gemüsegärten Havannas aber das System des kapitalistischen Parlamentarismus in den Abgrund stoßen werden oder auch nicht, wird die Geschichte zeigen.

Stefan kommt vorbei, mit seinem persönlichen Taxifahrer, mit dem er immer fährt, wen er eine größere Fahrt vorhat, und fragt, ob wir mitfahren möchten in einen Vorort von Havanna, eine Freundin besuchen.
Die Freundin, eine alte Dame, Künstlerin, wohnt in einem schönen modernen Nachrevolutionsbungalow mit großem Garten. Der Garten grenzt mit einer hohen Mauer direkt an die psychiatrische Klinik, in der auch schon Maradonna behandelt wurde. Die alte Dame kennt Maradonna nicht.
Im Garten sitzen der Taxifahrer und ein hergelaufener Feldarbeiter und beklagen sich bitterlich bei mir darüber, dass Kuba von den maricones, den Schwulen regiert werde.
So viel zum Wert von Zeitzeugen.

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Nach zwei Wochen Realleben in Havanna beschließen wir, für ein paar Tage Havanna zu verlassen und einen touristischen Ausflug an den Strand zu machen.
‚Strandspaziergänge machen den Kopf frei’ behauptet meine Begleiterin unverblümt.
Wir begeben uns dazu in ein Reisebüro. Das Reisebüro liegt in einer Ecke des großen Treppenhauses im Untergeschoß des Hotels Riviera und besteht aus drei Schreibtischen. An jedem der drei Schreibtische sitzt zwar eine andere Kubanerin eines anderen kubanischen Reiseveranstalters, ihre Angebote selbst sind aber völlig identisch. Alle drei schlagen sofort Varadero vor, zeigen uns Fotos und versichern, dass alle Gebäude den Fotos, die sie darstellen, garantiert naturgetreu nachgebildet seien.
‚Thomas Bernhard hat mal geschrieben, dass Fotos eine verzerrt perverse Welt festhalten, die mit der wirklichen nichts als diese perverse Verzerrung gemein hat’ flüstert meine Begleitung und schlägt dabei auf ihren Unterschenkel.
‚No’, sagen wir. ‚Gracias’.
Die Drei von den Reisebüros schlagen dann eine Rundreise vor, aber meine Begleitung meint, sie habe gar kein schlechtes Gewissen, das sie bekämpfen muss, indem sie von einem alten Steinhaufen zum nächsten läuft, auf Reisen, die Bildungsreisen genannt werden und mit Bildung doch nichts zu tun haben.
Ich frage sie, warum sie flüstert, und schlage mit der  linken Hand auf den rechten Handrücken und dann in den Nacken.
‚Die verstehen gut deutsch, die sind alle vom Geheimdienst’ flüstert sie wieder.
‚No’, sagen wir laut. ‚Gracias’.
Wir verlassen mit verstochenen Armen und Beinen, aber ohne Reise den Hotelkeller.
‚Das waren sicher die Mücken, die vom Zivilschutz aus den Topfpflanzen, die ihr Zuhause war, vertriebenen wurden’, sagt die Begleitung.
Zu Hause bereiten wir uns besser vor und lesen zum ersten Mal auf der Reise im Reisenführer. Am nächsten Tag schmieren wir unsere Beine, Arme und den Nacken mit Autan ein und gehen wieder hin. Dieses mal sind zwei der Schreibtische nicht besetzt.
‚Wir wissen jetzt, wohin wir möchten, nach Cienfuegos, in ein Strandhotel.’ Die heute allein verbliebe Reisebüromitarbeiterin schaut erleichtert aus und bucht für uns das Rancho Luna, samt Fahrt dorthin im Hotelbus.
Im noch in Deutschland ausgedruckten ‚Reiseforum Hotelbewertung’ lesen wir danach, dass das Rancho Luna das 18. beste Hotel von Cienfuegos ist, von allen 18 Hotels in Cienfuegos.
Es stellt sich dann aber wieder einmal heraus, dass, wer Reisebewertungen von anderen Touristen vor der Reise aus dem Internet ausdruckt, sich damit bereits desavouiert hat, weil Reisebewertungen anderer Touristen völlig unbrauchbar sind, da bekanntlich wer Reisebewertungen schreibt auch zu Neueröffnungen von U-Bahnteilstrecken geht, als Studiopublikum bei Quizsendungen rumzusitzt und auf Aufforderung klatscht, und man fragt sich, wie schaffen ‚die Menschen’ das überhaupt zeitlich, in ihrer kargen Freizeit auch noch absonderliche Kritiken im Internet zu verfassen. Dabei fällt einem allerdings eben auch ein, wie man selbst dereinst bei Google das Stichwort Hotelranking Kuba eingegeben hat und senkt betrübt das beaschte Haupt.
Das Rancho Luna jedenfalls ist völlig in Ordnung, viele Adverbien und Adjektive können das bezeugen, es liegt als Solitär ganz allein in einer wunderschönen Bucht nahe Cienfuegos, das Essen ist gut und vielseitig und angenehm kubanisch, die Zimmer angemessen, das Personal ist freundlich und bemüht, die Anlage gepflegt und weitläufig.
Das Problem ist dabei ist nur, dass es All Inclusive ist, und dass der Aufenthalt in einem All Inklusive Ressort eine der schlimmsten Perversionen der Menschheit ist, so schlimm wie Atombombe, Laubbläser und Jahresrückblick zusammen. Ein Aufenthalt All Inclusive ist nicht zu entschuldigen, die Geschichte, um mit Castro zu sprechen, wird denjenigen, der darin so etwas mitgemacht hat, nicht freisprechen. Die Entschuldigung, man wollte eben gerne ein paar Tage an den Strand, und dass es in Cuba leider nur All Inklusive Ressorts gäbe am Strand, nützt gar nichts, schuldig bleibt schuldig, da können tausend gute Gründe vorgetragen werden. Das ist so ähnlich wie mit der Erbsünde.

Das Restaurant bemüht sich sehr, auf keinen Fall dreisterneallinclusivetrashig zu erscheinen, es hat sorgfältig gedeckte Tische, die Getränken, werden serviert und es hat sogar einen echten Klavierspieler.
Nur der Kaffee im Restaurant ist nicht gut, ausschließlich an den Bars der Anlage gibt es 1a Espresso. Gelegentlich muss man warten, weil vor einem einer ein bis vier Cappuccino bestellt und man stellt dabei verwundert an sich selbst fest, dass Excappuccinotrinker verächtlich auf Menschen blicken, die das trinken, was sie viele Jahre selbst getrunken haben, sich jetzt aber auf einer höheren kulturellen Ebene wähnen.

Es ist jetzt Ende Dezember, Winter in Kuba, die Sonne scheint, es hat 26 Grad Lufttemperatur im Schatten und 24 Grad Wassertemperatur, das heißt in Kuba: viel zu kalt. In der Mitte der nächsten Bucht befindet sich der Stadtstrand von Cienfuegos, mit großen Parkplätzen davor, einer offenen Diskothek und einer offenen Bar. Die Anlage ist völlig leer, der Sonntag vergeht hier einfach, unbemerkt. Man kann die Spuren der vergangenen Nacht im Sand lesen, Vögel, Krebse und allerlei anderes Getier und man ist beruhigt, dass man die angestammten Bewohner noch nicht gänzlich vertrieben hat, so wie an anderen Küstenstreifen der Welt, dass der Strand im Winter noch ihnen gehört.
‚Was machen die Tiere aber im Sommer’? frage ich mich, ohne die Frage zu beantworten.

Die gemeinen Touristen liegen gottseidank den ganzen Tag an der Poollandschaft herum, lesen in sinnfreien Büchern wie historischen Romanen oder Kriminalromanen, und stören nicht weiter, wenn sie nicht gerade vor mir vier Cappuccinos bestellen.
Nebenan in einer Kabine mit Fensterchen aber hat einer die allerhässlichste der hässlichen Musik auf der Welt ausgesucht, um sie in unerträglicher Lautstärke den ganzen Tag und die halbe Nacht aus den Lautsprechern in die Luft zu blasen.
Nicht, das ich jetzt Musikverächter wäre, gerne hole ich mir frische Indiemusik aus allerlei Studentenkanälen, oder von fm4 oder Zündfunk aus dem Äther, auch nächtliches Trommeln in Gambia und dem Senegal ist mir nicht im mindesten unangenehm, oder Countrymusic in Nashville und Zydeco in Louisiana, die Beispiele ließen sich noch weiter fortführen. Niemals aber kommen hier von irgendwoher, aus einem Türspalt oder einem vorbeifahrenden Auto, fröhliche karibische Klänge, Reggae, Calypso oder Son. Nur hässlicher Reggaeton. Später am Abend legt der akustische Luftverschmutzer des Hotels dann als Kontrast dazu noch das Lied vom Commandante Che Guevara auf, und die Urlaubspunks sind 4 Minuten lang selbst Commandante Insurgente Rebelde in Jefe, solange, bis das Lied aus ist und wieder hässliche Musik folgt. Nach drei Wochen fliegen sie dann nach Hause, und wenn sie keinen Gangplatz haben und aus dem Fenster des Flugzeugs schauen können, sehen sie zum zweiten Mal während ihres Urlaubs das Meer.

Kann man aber einmal im Strandhotel wegen der hässlichen Musik nicht einschlafen, oder wenn in Havanna niemand mit 3 Chicas im Schlepptau einen besuchen kommt, wenn man auf dem Balkon des Casa Particular sitzt und Rum trinkt und auf individuelles Unterhaltungsprogramm zurückgreifen muss, so ist es auch mit dem Prominentenraten von Kubanern nicht so weit her ist. Gewiss haben sie den Batista, dem der Arnie nicht das Wasser reichen kann, und den Fidel Castro, aber dann ist schon bald Schluss, und es kommen nur noch Andy Garcia, Sottomayer und Gloria Estefan und Ernesto Guevara de la Serna, aber letzterer war bekanntlich Argentinier, wie Maradonna. Und Jose Marti, der Nationalheld aus dem Spanienkrieg und Dichter von Guantanamera. Und Paul Lafarge, das war der Mann von Laura Marx. Leider allzu oft vergessen wird dabei auch Roberto Blanco.

Drei Tage ai am Strand sind ok, aber dann reicht es aber auch wieder und wir fahren mit dem Taxi in die Stadt Cienfuegos.
Leider ist es die falsche Zeit, um von irgendwo freiwillig abzureisen. Es ist der 31. Dezember, Silvester.
Am 31. Dezember ist in Cienfuegos alles geschlossen, also auch die Restaurants. Ein ältere Mann, der auf einem Stuhl auf dem Gehsteig gegenüber eines Paladars sitzt, das wir auf unserem Weg hungrigen Blickes anstarren, kommt gleich über die Straße gelaufen, als er uns sieht und sagt auf deutsch, ‚Heute geschlossen, morgen wieder geöffnet’.
Wenn bei uns einmal ein paar Kubaner vor verschlossener Türe stehen sollten, wegen Feiertag oder Ruhetag, dann sage ich auch sofort ‚hoy cerrado, maniana abierto’, das habe ich mir fest vorgenommen, das bin ich den Kubanern seit dem schuldig.
Cienfuegos ist von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt, das heißt, es gibt eine Menge toter Steine, mehrfach unfachmännisch geflickter alter Bodenfliesenflächen und historischer Metallgitter anzuschauen, nur keine chinesischen Omnibusse. Die Busse zurück nach Havanna sind erst am 2. 1. wieder für den 3. 1. zu buchen.
Auch am 1. Januar ist noch immer alles zu und es gibt daher  wieder nichts zu tun außer Weltkulturerbe schauen, und wir beginnen allmählich, die Besuche unserer neuen deutschen Freunde und der Chicas, und unsere Besuche bei lebendigen Kubanern zu vermissen.
Am Abend passiert dann aber doch noch etwas, große Aufregung in dem Casa Particular, in dem wir abgestiegen sind, die ganze Großfamilie kommt von überall aus der Stadt herbeigeeilt, und der Hund bellt ununterbrochen. Ein Paket aus Miami ist angekommen. Aus mir unbekannten Gründen bedeutet das, dass der Absender ebenfalls in Kürze erscheinen wird. Der Besucher aus Miami, der ein paar Stunden später eintrifft, ist dann ein freundlicher stämmiger Kubaner, ein Verwandter, der seit 5 Jahren in Florida lebt und jetzt zum ersten Mal wieder nach Cienfuegos kommt. Er sagt ‚Hello’, ‚Hauaju’ und ‚naimietju’ zu mir. Der Verdacht liegt nahe, dass damit bereits ein großer Teil seines englischen Wortschatzes abgedeckt ist.
Das alles findet statt natürlich in dem kleinen Innenhof, der, auf den die Fenstertüre unseres Zimmers geht, und die Wiedersehensfreude währt bis tief in die Nacht.

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Zurück in Havanna stellt sich das erhoffte, schwer zu beschreibende Gefühl ein, die, man entschuldige den übernommenen Ausdruck, Leichtigkeit des Seins, wenn man eben merkt, dass man angekommen ist. Ein Gefühl, das überraschender weise oft in Großstädten eintritt, in Mexiko Stadt, in Los Angeles, in Ho Chi Minh City, und das dann die Erholung nach sich zieht, die noch Monate anhält. Wenn der Zustand aber nicht eintritt, wie etwa in Banjul oder in Marrakesch, kann die Reise auch interessant gewesen sein, nur ohne die anhaltende Erholung. Und ohne das ohnehin nicht zu definierende Glücksgefühl.

Jan ist mittlerweile wieder nach Deutschland zurückgekehrt, ‚um Geld zu verdienen’. 
‚Warum arbeitet Marisol eigentlich nicht, sie ist doch Tänzerin und Model’? fragen wir reflexartig Stefan.
‚Die Diskussion hatten wir schon’, sagt Stefan. ‚Auf diese Fragen gibt es keinen Antworten, weil die Fragen deutsch sind und die Antworten kubanisch.’
Aber auch die weißen Europäer stellen uns mitunter Fragen, erwarten Vorschläge von außen für die Verbesserung des Zusammenlebens von Europäern mit Kubanerinnen.
‚Auf eure Fragen können wir leider keine Antwort geben’ sagen wir.
‚Weil ihr eben einfach zu deutsch denkt’, sagt Stefan verständnislos.
‚Das stimmt leider’, sagen wir und wundern uns, warum er dann überhaupt fragt.

Einmal kommt Stefan im Casa Partikular vorbei mit Aurelia und noch einer weiteren Chica, die abwechselnd als Nichte oder Cousine vorgestellt wird, und bittet darum, die nächsten zwei Stunden etwas mit den Kubanerinnen zu unternehmen, da er selbst gleich zu einem Interview müsse.
Die kubanischen Frauen, die ja im Fall von Stefan und Jan keiner Arbeit nachgehen, kommen und gehen, wann es ihnen gerade passt. Es bleibt daher nicht aus, dass keine da ist wenn eine erwünscht wäre, dafür aber zu Unzeiten mit noch zwei Cousinen vor der Türe steht und im Weg rumgeht. Gerne werden dem Besucher dann die Chicas abgeschoben, rein platonisch natürlich, damit man sie los ist und trotzdem behält. ‚No almorzar?’, ‚nicht zu Mittag essen’? sagen die Chicas, die Lust auf Languste haben, dann als erstes, auf kubanisch, also wie wenn jemand mit einer heißen Kartoffel im Mund ganz vorsichtig no amo-a sagt, aber mittlerweile weiß ich, was gemeint ist. ‚No amo-a’ entgegne ich, und das klingt irgendwie wie ‚no amor’.
Schlau wie ich bin schlage ich stattdessen einen Besuch im historischen Museum vor, in das man am besten zu Fuß geht.
Erst sehr viel später, kurz vor der Abreise, kommt irgendwann mal die Erkenntnis, dass ich gar nicht wirklich schlau bin, sondern wirklich einfach nur zu deutsch denke, als wir mit den beiden Chicas in Havanna Vieja unterwegs sind und sie der ich begleitenden Dame dabei helfen, kurz vor Mittag trotz langer Schlangen vor den Banken und Wechselstuben noch Geld zu wechseln, während ich an der Straße für Zuhausegebliebene hässliche Reggaeton CDs kaufe für einen Euro sechzig das Stück, und wir, die wir Fremde in einem mitten in Havanna ihnen fremden Umfeld waren, in ihrem alltäglichen Umfeld nun eine Nähe auf gleicher Ebene zulassen.
Aber dann ist es, wie schon so oft im Leben, natürlich wieder einmal zu spät.

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Der Tag vor dem Abflug verläuft traditionell hektisch, aber nicht etwa, wie man jetzt denken könnte, weil nervös, wegen packen und rechtzeitig zum Flughafen oder so, sondern weil jetzt der Einkauf von ‚Mitbringseln’ ansteht, all den Dingen, die fortan noch etwa ein halbes Jahr die Wohnung des Beschenkten verstopfen, dann auf den Speicher wandern und sich dort irgendwann in Luft auflösen. Man kann stattdessen auch Rum und Zigarren mitbringen, aber der Rumtransport ist aufwändig und riskant, wenn der Koffer beim Transport vom Wagen runterfällt ist möglicherweise alles darin rumgetränkt, und jemand, der Zigarren raucht, ist mir persönlich nicht bekannt, ich kenne noch nicht mal jemand, der jemand kennt der Zigarren raucht, höchstens jemanden, der jemanden kennt, der Zigarren raucht, wissenschaftliche Forschung hat ergeben, dass jeder auf 6 Ecken sogar jemanden kennt der Angelina Jolie kennt.
Was aber immer geht ist Kaffee und Schokolade.
Zusätzlich gilt es Bestellungen abzuarbeiten, die unumgänglich sind, auch wenn die daraus resultierenden Dialoge vorherzusehen sind:
‚Diese Eulen habe ich eigentlich nicht gemeint!’ Der Gesichtsausdruck der Begünstigten verfinstert sich, während der eigene Gesichtsausdruck unverändert bleibt, weil ‚so was’ ja schon erwartet.
‚Andere gab es aber nicht!’
‚In dem Laden neben dem Eiscafe gibt es die schönen Eulen.’
‚Der hatte aber immer zu!’
In der sicheren Überzeugung, dass das gelogen ist, was es aber nicht ist, werden die Eulen und anderer bestellter Unrat dann gnädig entgegen genommen. Keine Eulen mitzubringen ist übrigens auch keine Alternative, ‚ich tu Dir nie wieder einen Gefallen’, wäre die einem gut vernehmlich in den Rücken gemurmelte Reaktion. Es gibt im Leben eben Aufgaben, die nicht recht zu machen sind, damit muss man sich abfinden.
Der Rückflug geht über Amsterdam, keine Zwischenübernachtung, kein komisches Frühstück, keine erste Klasse - wie sagte Sibylle Berg dazu einmal frech: ‚Die Tröstlichkeit des Gedankens, dass wir frei sind, frei, frei, greift nicht mehr, wenn wir mit 46 Jahren in der Touristenklasse eines Langstreckenflugzeuges sitzen und uns von unterbezahlten Stewardessen als das behandeln lassen müssen, was wir (ab jetzt wieder) sind: Verlierer.’
Auf dem Rückflug lese ich in einem Buch von einem amerikanischen Koch, der in der Welt herumreist, um, wie es sich für einen Koch gehört, natürlich ‚kulinarische’ Erlebnisse zu haben. In diesem Buch beschreibt er ein besonderes ‚kulinarisches’ Erlebnis, das er in Spanien hatte, fettgebackenes salziges Spritzgebäck, Churros und Porros, dieses mal eingetunkt in Kakao, zum Frühstück. Er ist begeistert. Das Buch ist ein hervorragendes Beispiel für die Ignoranz des gemeinen Amerikaners, der keine Ahnung von gar nichts hat, aber meint, er sei der Größte. Der nicht weiß, dass Schweinefleisch ungenießbar wird, wenn sich das Schwein beim Schlachten aufregt, der mit Suppen nichts anfangen kann, mit Quittengelee nichts, der Churros und Porros zum Frühstück isst, der, wieder zu Hause, eine Küche darbietet, mit der er in Europa keinen Fuß in die gehobene Gastronomie setzen könnte.
Wir stellen wieder einmal fest, dass die Flugzeit schneller vergeht, wenn man etwas dabei hat, über das man sich abfällig äußern kann.
Im Flughafen von Amsterdam riecht es wie Königin Beatrix. Zumindest stelle ich mir vor, dass Königin Beatrix so riecht. Brian Eno hat eine ‚Music for Airports’ geschrieben, weil an Flughäfen immer so eine Art Musik spielen würde, die den Flugreisenden sagen soll, es wird schon nichts passieren, woraufhin er eine Musik geschrieben habe die sagen soll, wenn das Flugzeug ankommt gut, wenn nicht, auch egal. Ich halte das aber für einen PR-Gag in eigener Sache, denn auf den Flughäfen, die ich kenne, spielt gar keine Musik. Brian Eno hat sich das wahrscheinlich im Supermarkt so zusammengereimt, nachdem er zuerst Music for Supermarkets komponieren wollte, bei der den Kunden alles egal wird, ihm aber dann davon abgeraten wurde. In Flughäfen hingegen, in denen es riecht wie Königin Beatrix, verweilt man gerne und muss aufpassen, seinen Anschlussflug nicht zu verpassen.