< SALON

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James arbeitet nun 30 Monate in der Gefängnisküche mit dem Hotelbesitzer

‚Vor Dir', sagen die Wärter in den blauen Uniformen, als er in der Justizvollzugsanstalt ankommt, zu ihm tonlos, nur durch ihre Gestik und Mimik, ‚waren schon viele da und sind spurlos wieder verschwunden, so wie Du in einigen Jahren aus unserem Leben verschwunden sein wirst'. Sie schauen ihn teilnahmslos an, nicht aufdringlich, abweisend, aggressiv oder sogar respektlos, sondern er wird neutral freundlich zur Kenntnis genommen. James bekommt Matratze, Bettzeug, Decke, Wäsche und wird damit auf die Zugangsstation in den Umschluss geführt. Im Umschluss hat er 1 Stunde Hofgang und 23 Stunden James, und als Abwechslung während der 23 Stunden hat er Schlaf, Tekwondoübungen und dreimal am Tag Essen, alles allein in seiner Zelle. Die Bratwurst erinnert ihn an England, Stopfwolle in Fett getränkt, dazu Pfefferminztee. James sehnt sich nach dem englischen Kaffee, der zwar nach Regen aussah, aber eindeutig hatte Kaffee sein sollen. Brot kann er sich aussuchen, Weißbrot oder Vollkornbrot, aber Salat, wie er auf dem Hofgang erfährt, gibt es erstaunlicherweise nur für Moslems. Oder es gibt unessbare Soßen zu Schnitzel, die entweder totgebraten oder halbroh sind. Und immer wenn es Suppe gibt hört er keine 2 Minuten später in den angrenzenden Zellen die Klospülung rauschen und folgt dann dem Beispiel. Er vermutet, dass man Kaffee im Laden kaufen kann, aber wann er dazu Gelegenheit bekommt weiß er nicht.
Er macht also die Erfahrung, die er in U-Haft mit der hässlichen Verpflegung gemacht hat, jetzt zum zweiten Mal, und weil es nutzlos ist, Erfahrungen die man bereits kennt, nochmals zu machen, beschließt er, in der Küche zu arbeiten. Um in der Küche arbeiten zu können muss er mit dem Gefängnisdirektor sprechen und teilt dies beim nächsten Hofgang dem Wärter mit.
‚Sie sind neu hier', sagt der Schließer lächelnd. Das stimme, gibt James zu. Einen Termin beim Gefängnisdirektor gäbe es aber nur unter ganz besonderen Umständen, teilt ihm der Wärter freundlich mit, etwa wenn er ihn jetzt zusammenschlagen würde, was er aber nicht empfehlen könne. Woraufhin James dem Innensenator eine Email schreibt mit der Bitte um Termin beim Gefängnisdirektor, die bereits von der Zensur an die Gefängnisleitung weitergeleitet wird und den Innensenator nie erreicht. Am nächsten Tag bekommt James trotzdem bzw. gerade deshalb den Termin beim Gefängnisdirektor, der ihn mit ‚Was kann ich für Sie tun?' begrüßt, was James auch wieder unangemessen findet.
‚Sie wundern sich vielleicht', fährt er fort, ohne auf die Antwort zu warten, ‚warum Sie als Politischer noch keinen eigenen Trakt bereitgestellt bekommen haben, wie früher üblich, aber da gibt es einen Paradigmenwechsel in der Politik. Ihnen darf ich es ja sagen', ergänzt er, ‚weil meine Parteifreunde gut von Ihnen sprechen. Sie sind deshalb zu mir gekommen?'.
‚Eigentlich nicht', sagt James, ‚mehr wegen dem Essen.' Und früher sei er noch nicht hier gewesen.
‚Die Aussicht auf Ihr Gefängnisessen für die nächsten, sagen wir mal zweieinhalb Jahre, Begnadigung bereits eingerechnet, ist unerfreulich. Ich würde daher gerne in der Gefängnisküche arbeiten.'
Und dass er eine, wenn auch nach einem Jahr abgebrochene Kochlehre vorzuweisen hat.
Der Gefängnisdirektor bescheidet ihm, dass bereits ein ehemaliger Hotelbesitzer, sogar Grandhotelbesitzer, die Küche leitet, dass er aber gerne dort als dessen Assistent anfangen könne, weil es in letzter Zeit öfters zu Beschwerden über das Essen gekommen sei.
Der Assistent war von 2 Monaten entlassen worden und der Versuch einen neuen Assistenten in die Küche zu schicken sei jedes Mal daran gescheitert. dass der neue Assistent um seine Versetzung gebeten habe.
James stellt fest, dass sich im Gefängnis die sonst üblichen Verhältnisse umkehren und es etwas ganz Tolles ist, wenn man entlassen wird.

Am nächsten Morgen führt ihn ein Wärter in den Küchentrakt, sie kommen zuerst in die Spülküche, dann in die Portionierungsküche und dann stehen sie in der Kochküche. wo ein großer Mann in mehreren Töpfen gleichzeitig rührt, mit Armen dick wie ein Pferdehals, James vermutet vom vielen Rühren in ungezählten Töpfen. Der Wärter sagt ‚Viel Spaß' und lässt ihn dort stehen, schließt die Türe hinter sich zu.
James sagt ‚Hallo', der Koch, der wohl der Hotelbesitzer ist, den der Gefängnisdirektor erwähnt hat, ignoriert ihn.

Der Hotelbesitzer, zur Zeit Küchenchef, ist sauer. Von Chef keine Spur, er steht allein in der Küche und rührt in den Töpfen, während seine Küchenhelfer im Lager aus den Beständen vorgeblich neuen Wodka produzieren, höchstwahrscheinlich aber nur die Produktion von letzter Woche versaufen.
Er geht ins Lager, dort sitzen wie erwartet seine Küchenhelfer, ein Araber aus Köln, ein Russlanddeutscher aus Memmingen, ein Linksliberaler aus Hamburg und ein Vietnamese aus Berlin, der soeben noch aus reine Blödheit Soßenpulver in das Nudelwasser gekippt hat, alle vereint und saufen Wodka aus Zutaten aus dem Lager, bis auf den Araber, der als Moslem keinen Alkohol trinkt und stattdessen Crack raucht, natürlich mit Backpulver auch aus dem Lager. Er stellt zum dritten Mal an einem Tag fest, dass seine Beteiligung an dem Geschäft, das die Küchenhelfer mit Hilfe von Zutaten aus dem Lager aufgezogen haben, Schnaps und Crack, nicht annähernd die Mehrarbeit ausgleicht, die er in der Küche leistet, während die Küchenhelfer beschäftigt oder indisponiert sind. Zwei der Küchenhelfer rappeln sich auf, als sie den Hotelbesitzer sehen, die anderen bleiben liegen. Er schaut, sagt nichts und geht zurück in die Küche, und die beiden, die aufgestanden sind, setzen sich wieder.
‚Was machen wir hier eigentlich'? fragt er, während er wieder in den Töpfen rührt, ohne eine Antwort zu erwarten oder auch nur zu wünschen. ‚Was machen wir hier eigentlich'? wiederholt er nach einiger Zeit.
‚Fragen, auf die es keine Antworten gibt, gibt es nicht' antwortet James nun lapidar und abschließend.
Der Hotelbesitzer sieht nun zum ersten Mal den Häftling an, der ihm in die Küche gestellt wurde.
Er holt Zitronat und Orangeat aus der Kammer.
‚Andere Beispiele': sagt James, als der Hotelbesitzer wieder zurück ist. ‚Was ist der Sinn des Lebens? Oder, gibt es Gott? Oder, was kommt nach dem Tod?'
‚Jeder will das wissen', brummt der Hotelbesitzer.
‚Niemand will das wissen' sagt James. ‚Die Fragen werden nur deshalb gestellt um sich vorsichtshalber immer wieder zu vergewissern, dass es auch wirklich keine Antwort darauf gibt.'
‚Ich will schon wissen, ob es einen Himmel gibt' insistiert der Hotelbesitzer.'
‚Möglicherweise gibt es ja wirklich so etwas wie einen Himmel' antwortet James, ‚in den all die Verstorbenen kommen, die daran geglaubt haben, dessen Insassen somit also ein Konglomerat bilden aus Bäuerinnen, Mafiosi, Mönchen und Nonnen, bayerischen Politikern und noch ein paar anderen schlichten Gemütern. Alle anderen, die Sünder und die Ungläubigen, die Leser von Sartre beispielsweise oder die, die mal im Gefängnis waren, die kommen ebenfalls in diesen Himmel, nur für die heißt der Himmel dann aber Hölle.'
‚Leck mich am Arsch' sagt der Hotelbesitzer und rührt neue Rosinen in den Teig. ‚Nihilisten, überall in der Küche, mehr als Kakerlaken', denkt er, dann wendet er sich wieder dem Häftling zu.
‚Was kann ich für Dich tun'? sagt er wie gestern der Gefängnisdirektor auch, aber in einem Tonfall, der andeutet, dass er nicht vorhabe, irgendetwas für den ihm unbekannten Häftling zu tun, außer vielleicht ihn rauszuschmeißen. Sobald jemand die Türe hinter ihm wieder aufgesperrt hat.
‚Ich soll hier arbeiten, als Assistent des Chefkochs, eines Grandhotelbesitzers', sagt James.
‚Assistent des Chefkochs', wiederholt der Mann fassungslos. ‚Warte hier' sagt er dann noch immer unfreundlich und rührt weiter.
Der Hotelbesitzer fragt sich, warum ihm jetzt schon wieder ein neuer Assistent statt neuer Küchenhelfer zugeteilt wurde, nachdem er über ein Jahr versucht hat, die drogenkonsumierenden Idioten loszuwerden, Drogenkonsum auf seine Kosten, indirekt, indem sie Sachen aus dem Lager vertickt haben. Was jeder wusste, aber was einkalkuliert war, Hauptsache keine Probleme. Um seine Probleme mit den zugedröhnten Jungs kümmerte sich bislang niemand, stattdessen wurde nur ständig am Essen rumgemäkelt.
‚Los', sagt er nach einer Weile unvermittelt zu James, ‚steh hier nicht rum, wir haben zu tun' und weist ihn an, in einem riesigen Topf mit einer braunroten Flüssigkeit zu rühren.
James sagt, er habe sich nicht vorgestellt, dass Chefkoch und Assistent persönlich rühren. Der Hotelbesitzer sagt nichts drauf sondern schickt ihn ins Lager, weitere Tomatenbüchsen zu holen.
Im Lager sitzen vier Häftlinge, ein Araber, ein kleiner Blonder, ein langhaariger Freak und ein Chinese, und rauchen. James vermutet, die Küchenhelfer.
‚Wo sind die Büchsen mit den geschälten Tomaten'? fragt James, und schon während er die Frage ausspricht weiß er, dass sie sinnlos sein wird und geht selbst die Regale ab.
‚He Arschloch' ruft einer der Küchenhelfer. Alle vier sind aufgestanden, zwei kommen von der einen Seite des Gangs, zwei von der anderen. James überlegt. Wenn es brenzlich wird ist es das beste und einzige, sofort davonzulaufen, hat der Tekwondomeister zu seinen Schülern gesagt, weil er schon gewusst hat, dass das Training mit den verschiedenen Angriffs- und Abwehrschlägen nicht ausreicht, wenn nicht täglich 5 Stunden geübt wird, was dann aber keiner der Schüler gemacht hat, vielleicht manche mal eine halbe Stunde, aber auch da war James nicht darunter. Die nächste Stufe wäre dann: Beherrsche die Situation ist besser als jemanden zu verletzen, daran will James jetzt arbeiten.
‚Der Küchenchef will 2 von den 20 Kilo Büchsen Tomaten' wiederholt er.
‚Und was geht Dich das an?'
‚Ich bin der neue Assistent' sagt James beiläufig. Er hat nicht vor, sich bei Subalternen vorzustellen.
‚Das glaubst auch nur Du', sagt der arabisch Aussehende, ‚das hier ist der neue Assistent' und deutet auf den blonden Häftling hinter James, der dreinschaut, als habe er gerade im Moment zum ersten Mal davon erfahren.
James erwartet ‚und jetzt ab', kommt aber nicht. Stattdessen kommen die Zwei mal Zwei von beiden Seiten näher. James drängt sich vorbei und macht ein entschlossenes Gesicht, und sie lassen ihn gehen, halten das im Nachhinein für einen Fehler und werfen Maisdosen hinter ihm her. Er rennt durch die Regalreihen und wird nur zweimal getroffen, im Rücken und am Bein, beides nicht sehr schmerzhaft.
‚Ja geht's noch' sagt James dann fröhlich zum Chefkoch. Er ist sehr erfreut über den unhaltbaren Zustand mit den Küchenhelfern und bittet wieder um einen Termin bei der Gefängnisleitung, die ihm bestätigt, dass der Wodkahandel und der sonstige Schwund im Küchenlager von der Gefängnisleitung bereits eingeplant gewesen war und keinmal Grund zur Klage war, und die Mengen, die sie vom Lager abgezweigt haben um ihr Hobby zu finanzieren immer gut kompensiert werden konnten.
‚Die Zustände in der Küche sind unter aller Sau' widerspricht ihm James, und dass der Hotelbesitzer als Chefkoch fatalistisch alles laufen lässt.
Als James wieder zurück in der Küche ist teilt er dem Chefkoch mit, dass es wohl einige personelle Umstrukturierungen in der Küche geben wird, woraufhin die Küchenhelfer am nächsten Tag nicht mehr da sind.
‚Was machen wir jetzt'? fragt der Hotelbesitzer teilnahmslos. Keine Küchenhelfer ist auch nicht viel anders als solche Küchenhelfer, wie es die Gewesenen gewesen sind.
James erklärt: ‚Jetzt machen wir aus der Gefängnisküche ein Kunstwerk', was der Hotelbesitzer ebenfalls teilnahmslos zur Kenntnis nimmt. ‚Ein Scherz' ergänzt James.
(. . . . . . . )

7
James kommt in Lindau an und trifft auf
Sarah, Mathilda und Herrn Bertram

Auch in Lindau geht er als erstes wieder in die Bahnhofsgaststätte um weitere Auskünfte zu erhalten, weil er Touristen, die mit der Verwahrlosung der Kleidung den gerade stattfindendenden Erholungsprozess des Trägers bewusst sichtbar machen nicht von Einheimischen, die immer so rumlaufen, unterscheiden kann, und daher auf seine Frage nach dem Gran Hôtel Bodensee nicht viermal hintereinander die Antwort hören möchte, dass wisse man auch nicht, man sei nicht von hier und man selbst würde mit Sicherheit ganz woanders wohnen.
Die Bahnhofsgaststätte, die in Lindau tatsächlich nur Bahnhofsgaststätte heißt, ist ein schmaler tiefer Schlauch mit einer sich im Dunkeln des Raumes verlierenden langen Theke, an deren Ende schemenhaft die Türe zu den Toiletten zu sehen ist. Gegenüber der Theke entlang der Wand stehen quadratische Tische mit jeweils 4 Stühlen, die allesamt unbesetzt sind, nur an der Theke sitzen zwei Männer Anfang 50, die gerade noch nicht als alt durchgehen, sie tragen T-Shirts, die sich über den Bierbäuchen wölben und kurze Hosen, und sie haben die zu dünnen Beine von chronischen Biertrinkern. Hinter der Bar steht eine dünne Frau, die die Theke als natürliche Barriere zwischen sich und den anderen sieht, quasi wie ein Schalterbeamter, oder wie Benni in seinem Kiosk, aber das weiß James noch nicht, dass Benni jetzt einen Kiosk betreibt. Die Frau hinter der Theke unterhält sich mit den Biertrinkern und erweckt nicht den Eindruck, als sei sie an der Anwesenheit von James sonderlich interessiert. Sie sprechen schwäbisch, in leicht näselndem Ton. James konnte schon als er noch klein war schwäbisch nicht besonders leiden, er empfindet die Nasallaute gegenüber den schönen klaren Vokalen des Westallgäuer Dialektes als Zumutung. Er bestellt ein Bier, die Frau fragt welches, und James sagt egal. Einer der Männer mischt sich daraufhin ein, das sei nicht egal, es gäbe große Unterschiede, aber James verweist darauf, dass er die letzte Zeit im Gefängnis gewesen wäre und ihm deshalb jedes Bier recht wäre, das nicht Pfälzer Hopfenperle hieße. Die Männer sind nicht besonders beeindruckt davon, dass er im Gefängnis war und murmeln was von ‚kenn ich nicht'. Er bekommt ein Kemptener Hofbräu. ‚Nicht schlecht' sagt er, als er einen Schluck getrunken hat, mehr aus Höflichkeit als aus Überzeugung.

‚Wo bitte ist hier das Bodenseegrandhotel? fragt James die Frau hinter der Bar, die ihm knapp antwortet, das gäbe es schon lange nicht mehr, und dann das Gespräch mit den zwei Männern in den kurzen Hosen, und den dünnen Beinen von Biertrinkern, die an der Bar stehen und Bier trinken, wieder aufnimmt.
James schaut sich um, kann noch immer keine weiteren Gäste entdecken und formuliert um.
‚Wo war früher das Bodenseegrandhotel?'
‚Es heißt Grand Hôtel Bodensee'. Gleich der dritte Kasten geradeaus den Hafen entlang', antwortet einer der Biertrinker. ‚Ist aber zu', ergänzt der andere. Die Frau hinter der Bar schaut stellvertretend für James und den geschwätzigen Gast missbilligend ihr Spülbecken an. James sagt danke, nimmt seine 2 Handkoffer und geht los. Aus der Musik-Anlage quillt Proud Mary von Creedance Clearwater Revival, als er die Bahnhofsgaststätte verlässt.
Zum Bodenseegrandhotel oder Grand Hôtel Bodensee, sind es vom Bahnhof aus noch etwa 200 Meter, und James stellt sich vor, dass das Gefühl, fremd und allein im Sturm in der Nacht, der Regen peitscht ihm waagrecht ins Gesicht, wie Nadelstiche, mit den Koffern in der Hand, direkt am tosenden See aus weißem Schaum, gebeugt sich zu dem hell beleuchteten Hotelkasten aus dem 19. Jahrhundert durchzukämpfen und gleich durch eine messingbeschlagene Türe in ein Grand Hôtel zu treten, mit loderndem Kaminfeuer und weichen Sesseln, in denen Zeitung lesende Reisende sitzen, stellt sich vor dass dieses Gefühl einfach überwältigend sein muss.
Es ist ein milder Augustabend, der Bodensee liegt völlig ruhig und schwarz. Er findet das Grand Hôtel Bodensee sofort, es ist das einzige Gebäude am Hafen, das völlig im Dunkeln liegt, kein einziges der Fenster ist beleuchtet, das Haus wirkt bedrohlich und geheimnisvoll zugleich. Er erreicht die erwartete messingbeschlagene Drehtüre, wenigstens die gibt es wirklich, denkt er, sie ist nicht verschlossen, und er geht hinein. Er kommt in einen Vorraum, im Licht der Straßenlaternen, das durch die Glastüre fällt, erkennt er zerschlissene braune Ledersessel, die um einen offenen Kamin platziert sind, in dem einige mit Asche bedeckte angekohlte Holzscheite liegen. Auf jedem der Sessel liegt etwas anderes, Zeitungen unbestimmten Alters, eine wohl dunkelblaue Strickjacke, eine Kehrschaufel. Es riecht muffig. Er geht weiter in die Halle, in der sich die Rezeption befindet. Alle Schlüssel bis auf 2 hängen am Schlüsselbrett. Er sieht Licht durch einen Türspalt.
Er geht hinein in einen Raum, der früher einmal die Bar gewesen ist und jetzt immer noch die Bar ist, nur dass die Regale leer sind bis auf einen Mülleimer, etwas Gerümpel, das sich angesammelt hat, einer völlig unangebrochener Flasche Racke Rauchzart und einer halbleeren Flasche Lufthansacocktail, die in einer Ecke stehen. Auf der Theke stehen zwei mehrarmige Kerzenleuchter, auf einem Tisch und auf einem Klavier stehen zwei weitere.
In den gleichen dunklen zerschlissenen Ledersesseln wie im Vorraum sitzen zwei Handvoll Leute. James wartet, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben und schaut in die Gesichter, die alle ihm zugewandt sind und ihn ihrerseits neugierig anblicken. Er kennt die Gesichter nicht, bis auf eines, das seinem Nachbarn Benni gehören könnte, James ist sich nicht sicher, er hat ihn das letzte Mal gesehen als er selbst 18 und der Nachbar 21, 22 Jahre alt war, das Kerzenlicht ist nicht sehr genau, es verwischt die Konturen und zeichnet alle Gegenstände, die es beleuchtet, weich. Er sagt erst einmal nichts, sondern schaut weiter die Menschen an, während die weiter ihn anschauen.
Er sieht eine Frau in James Alter, offensichtlich die Frau von Benni, vor ihr liegt ein Foxterrier auf der Seite und streckt ihr die Vorderpfote entgegen, die sie hält, dahinter sitzt ein Mädchen, daneben eine kleine ältere Frau mit Edith-Piaf-Frisur, ein ebenfalls älterer Mann im Anzug mit einem weißen Schnurrbart, der an dem Klavier sitzt, und an der Theke stehen ein großer Mann mit Bart, Mitte Ende 50 und zwei fast genau so große, aber dünne Mädchen mit dunklen krausen Haaren, offensichtlich Schwestern.
Er sieht außerdem 3 Flaschen Havanna Club und eine angebrochene Kiste Bier davor auf dem Boden stehen.
‚Wir haben geschlossen', sagt das Mädchen.
‚Alles besetzt', ergänzt der ältere Mann am Klavier.
‚Was jetzt, geschlossen oder voll'? fragt James.
‚Beides' antwortet das Mädchen.
‚Beides geht nicht' sagt James.
Die ältere Frau steht auf und beginnt ein Lied von Bryan Ferry zu singen, der ältere Mann setzt am Klavier ein, und nach einer halben Strophe fällt sie um. Niemand der Anwesenden zeigt eine Reaktion.
‚Wenn sie tot ist, dann ist jetzt doch was frei', denkt James, was er aber natürlich nicht laut sagt.
‚Gibt es etwas zu feiern'? fragt er stattdessen und tut ebenfalls so, als habe er nichts bemerkt.
‚Wir feiern Abschied.'
‚Wir haben gehört, mein Vater hat das Hotel verpachtet', ergänzt das Mädchen.
‚Und jetzt trinken wir darauf, dass bald ein dynamischer Jungunternehmer hereinkommt und uns rauswirft.'
‚Obwohl wir lebenslanges Wohnrecht haben', ergänzt die ältere Frau, die doch nicht tot ist, vom Fußboden.
‚So etwas würde ich nie machen', sagt James, woraufhin allgemeines Gemurmel ansetzt, von wegen, da haben wir ja noch einmal Glück gehabt.
‚Ich habe gleich gesagt, der taucht noch am selben Tag auf, an dem er entlassen wird', sagt der ältere Mann am Klavier. ‚Wahrscheinlich hat er kein Zuhause.'
James nickt. ‚Wie lange wisst ihr schon, dass ich komme?'
‚Schon seit ein paar Monaten', antwortet die junge Frau, ‚und Du?'
‚Seit heute.'
James wird aufgefordert, gleich über die Zukunft zu sprechen und bekommt ein Glas Rum.
‚Welche Zukunft?'
‚Unsere natürlich.'
‚Du', sagt er zu dem Mädchen, ‚Du übernimmst die Rezeption.'
‚Sarah, die Tochter, danke', sagt das Mädchen.
‚Ihr Schwestern macht die Betten', sagt James zu den Zwillingen, die im Frühjahr das Abitur gemacht haben und nun darauf warten, dass ihnen einfällt, was sie tun könnten.
‚Du hast sie wohl nicht mehr alle' sagen sie synchron zu James, denn Betten machen gehört nicht in die Auswahl möglicher zukünftiger Betätigungen von Abiturientinnen. ‚Außerdem sind wir Zwillinge. Eine heißt Anne und eine Ulla, es ist aber sinnlos, sich merken zu wollen, wer wer ist, also lass es gleich.'
‚Dann eben die Rezeption, und Sarah wird Geschäftsführerin. Und Du,' zur älteren Frau gewandt, ‚wirst abends in der Bar singen, ohne dabei umzufallen. Schaffst Du das?'
‚Mathilda, die Mutter', stellt sie sich vor, ohne dazuzusagen, von wem. ‚Wir werden Geld brauchen.'
‚Die Mutter von wem'? denkt James.
‚Meine Mutter denkt immer praktisch' löst Sarah das Rätsel auf.
‚Dann kann sie tagsüber das Büro mit übernehmen. Der Klavierspieler wird dabei helfen.'
‚Und Du, was machst Du bei der ganzen Geschichte?
James schaut sie erstaunt an. ‚Ich bin natürlich hier der Frühstücksdirektor'! ruft er, als ob damit alles gesagt wäre.

*Die Person des Benni ist im Buch 'Kuhland' näher beschrieben.

*Weiß auch Nietzsche, dass es kein Glück, keine Heiterkeit, keine Hoffnung, keinen Stolz, keine Gegenwart geben kann ohne Vergesslichkeit, denn ‚Vergesslichkeit ist keine bloße via inertise, wie die Oberflächliche glauben, sie ist vielmehr ein aktives (..) positives Hemmungsvermögen'.
(. . . . . . )

32
Horst kommt im Hotel an

Ein Mann mit einem schwarzen Rollkoffer und einem hässlichen Hund kommt die messingbeschlagene Drehflügeltüre herein, als gerade Zwillinge an der Rezeption arbeiten. Der Hund, dem die Drehflügeltüre nicht geheuer ist, bellt dabei, so dass der Mann den Hund auf den Arm nehmen muss. Der Hund hört auf zu bellen und beginnt jetzt zu brummen. Der Mann setzt den brummenden Hund wieder ab und sie gehen zur Rezeption. Die Zwillinge sind so groß, dass sie, ohne sich zu weit vorbeugen zu müssen, den Boden auf der anderen Seite der Theke sehen. Dort sitzt jetzt der Hund. Der Hund hat einen Unterbiss. Die Zähne des Unterkiefers ragen in die Gegend, Oberkieferzähne sind keine zu sehen. Sein Fell hat die Farbe und Beschaffenheit eines älteren, oft benutzten Putzlumpens.
‚Sie können hier nicht bleiben', sagt Ulla, ‚Lindau ist die Hauptstadt der Pudel. Das hier ist keiner.' Sie deutet vor sich auf den Boden. ‚Auf Wiedersehen.'
Horst würde die freche Person am liebsten auf den Genfer International Court of Justice for Animal Rights* verweisen, lässt es dann aber doch. Der Hund fühlt sich angesprochen und wedelt mit dem nicht vorhandenen Schwanz.
‚Ich möchte gerne meine Frau sprechen' sagt der Mann mit dem hässlichen Hund stattdessen.
‚Wie heißt Ihre Frau?'
‚Hildi' stammelt der Mann. Anne und Ulla lachen.
‚Verzeihung', murmelt der Mann, ‚ich meine natürlich Frau . . ‚
‚Nicht nötig, wir kennen hier Hildi. Hildi ist aber nicht da.'
Sie erlauben dem Mann trotz des hässlichen Hundes, im Hotel zu bleiben, weil er der Gatte der Hotelbesitzerin ist und geben ihm ein Zimmer im ersten Stock zur Gasse. Da er der Gatte der Hotelbesitzerin ist verzichten sie auf das Anmelderitual und händigen ihm den Schlüssel aus. Er wundert sich, dass er in einem Grandhotel, dessen Besitzer auch er in gewisser Weise ist, keine key card bekommt.
Der Mann lässt den Rollkoffer an der Rezeption stehen und geht mit seinem hässlichen Hund in die Bar und trifft dort Herrn Bertram an. Herr Bertram spielt am Klavier und eine ältere Frau singt dazu, ein Lied von Shel Silverstein über all die Dinge, die dieser seiner Frau nicht zu bieten gehabt hat.
I can't touch the clouds for you, I'll never reach the sun for you
I've never done the things that you need done for you
I've stretched as high as I can reach, I guess I'm not the one for you
'Cause I can't touch the clouds or reach the sun for you
Der Mann sagt zu Herrn Bertram, das könne er vollinhaltlich bestätigen, so ginge es ihm öfters, und als seine Frau vor nun über fünf Wochen abgereist sei habe er das alles ebenfalls gedacht, und dass er nun auch vermute, dass sie das auch so sähe.
I can't turn back time for you, and make you sweet sixteen again
I can't turn your barren fields to green again
And I won't sit around and talk of how things might have been again
No I can't turn back time and make you young again
I can't turn back time and make you young
Dann stellt sich der Mann vor und sagt, er sei der Mann von der Hotelbesitzerin und gerade eben aus Bielefeld angereist.
‚Wie ist das Wetter da oben'? fragt Herr Bertram.
‚Bald schon stehen die Bäume leer und man kann die verlassenen Vogelnester darin sehen. Ein grauer regenloser Himmel, darunter überall ödes braunes Ackerland, es ist so graubraun, dass der Verdacht aufkommt, an dem viele tausend Mal vorgetragenen und, immer in dem Tenor ‚das geballte Deutschland aus der Sicht des Bundesbahnreisenden aus dem Fenster', voneinander abgeschriebenem Klischee von der Graubraunheit Deutschlands könnte vielleicht doch etwas dran sein, und dass es, wenn jetzt die Sonne schiene und der Himmel blau wäre, es trotzdem grau bliebe' antwortet er.
Herr Bertram bescheidet dem Mann, dass er gut zuhören möge und spielt das Lied nochmals.
Der Mann mit dem hässlichen Hund bedankt sich und geht auf sein Zimmer. Dort stellt er fest, dass ihm sein Koffer nicht aufs Zimmer gebracht worden war, er geht, jetzt ohne Hund, wieder hinunter, wo der Koffer noch immer neben der Rezeption steht, nimmt ihn, geht wieder nach oben und legt sich aufs Bett, auf dem bereits der Hund liegt.

*Wenig bekannt, weil von ‚den Medien' verschwiegen ist in diesem Zusammenhang, dass der Genfer International Court of Justice for Animal Rights am 7. Mai 2001 festgestellt hat, dass Deutschland wegen der Diskriminierung von Hundebesitzern gegen die Menschenrechte und das Tierschutzgesetz verstößt.
(. . . . . . )

(. . . . . . )
James geht. James, der nie mitgetrunken hat in den verräucherten Zimmern der weißen Männer und der dunklen Frauen geht in eine Bar und bestellt eine Flasche Havana Club, ohne Cola, ohne Eis.
Auf einem Barhocker sieht er die Königin der Bar sitzen, wie auf einem Thron, genau wie im Lied von der ‚Königin des Silver Dollar', das Herr Bertram, der Spezialist für Königinnen in Bars, immer gespielt hat, wenn wieder eine alleinstehende Dame mit weißblauen Haaren und einem Pudel in die Bar seines Grandhotels gekommen ist. Sie trinkt ebenfalls ein Glas Rum.
‚Viva Ernesto Che Guevara de la Serna', sagt James zu ihr.
‚Guevara wurde erschossen', erinnert sie ihn.
‚Gekreuzigt mit einer Pistole', belehrt sie James.
‚Von mir aus', sagt die Königin.
‚Guevara sagt, seien wir realistisch, wollen wir das Unmögliche. Man kann auch sagen, seien wir menschlich, verhalten wir uns unmenschlich' insistiert er.
‚Wie Jesus . . .'
‚wenn sie so wollen . . .'
‚also gleich zwei Versager!'
‚wieso Versager?'
‚Hombre, zwei, die den neuen Menschen schaffen wollten und hinterher stellt sich dann heraus, es ist doch immer nur der alte.'
James trinkt sein Glas leer und schenkt sich und der Königin nach.
‚Na und? Che war völlig unnachgiebig, unbeirrt von Ereignissen, die die Bourgeoisie allesamt als totale Fehlschläge bezeichnet, seine Wirtschaftspolitik als kubanischer Minister, der Befreiungskampf im Kongo, die Revolution in Bolivien. Damit hat er uns frei gemacht, er hat es für uns getan, uns gezeigt, dass wir es tun können, dass wir frei sind.'
‚Amen', sagt sie.
James fühlt eine tiefe Verbundenheit mit Che, mit Jesus, mit allen Unmenschen dieser Welt, weil auch er immer nicht verstanden wird, nimmt sich aber vor, es unbeirrt weiter zu versuchen. Wie ER, gekreuzigt im Bolivianischen Urwald durch eine Pistole.
‚Unmenschen, Übermenschen, Nietzsche', sagt James.
Die Königin des Silver Dollar ist eingeschlafen.
James überlegt lange, wie es wohl wäre, auf Kuba zu sterben.

o

James läuft den Strand auf und ab und wartet darauf, dass das Meer ihm etwas zu sagen hat. Das Meer ist aber einfach nur da und kümmert sich nicht weiter um ihn.
Er setzt sich an den Malecon, den Rest der Nacht bis zum Morgengrauen, an der Stelle an der er vor einigen Wochen bereits gesessen war, als Helena ihn gefunden hatte.
'head held in his hands
looked to all the world
like he was praying*' singt James. Das Lied hat ihn Herr Bertram gelehrt.
Eine Kubanerin, vielleicht 35 Jahre alt, kommt vorbei und hört ihm zu.
‚Sie haben einen schönen Leinenanzug an', sagt die Kubanerin. ‚Nur leider ist er sehr schmutzig.'
James sagt, er finde, es gehe noch.
James hat nun bereits Erfahrung mit Kubanerinnen mit europäischen Partnern, er will aber nicht unhöflich sein und gleich betonen, dass er kein Geld hat, somit für sie uninteressant sei.
‚Wie heißt du, companero', fragt die Frau
‚Hans', sagt James, der spontan beschließt, seinen richtigen Namen wieder anzunehmen.
‚Du wohnst im Nacional', sagt sie. ‚Ich arbeite dort, ich habe Dich gesehen.'
‚Schon lange nicht mehr' sagt James.
‚Ich heiße Maria', sagt die Frau. ‚Wo ist deine Familie?'
‚Ich habe keine Familie', sagt Hans.
‚Jeder hat eine Familie', behauptet Maria, ‚wir sind alle Teile einer Familie, die gemeinsam über etwas lachen können, was nicht lustig ist.'
‚Ich habe aber keine Familie', wiederholt Hans.
*Shel Silverstein
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