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Kapitel 1

Während der Nacht wurde die laute Natur draußen noch vom Regen übertönt, aber als der Regen aufhört wacht Benni auf und kann nicht mehr einschlafen. Jetzt, wo das gleichmäßige Rauschen weg ist, hört er all die anderen Geräusche, und der Wind kann den Regen da nur ungenügend ersetzen. Irgendwo in der Hecke vor dem Haus hustet ein Marder, Raben, die sich mit einem Bussard streiten, sind deutlich zu hören, und kaum hat sich die Sache geklärt, kommen die Krähen und streiten weiter, die Tannen rauschen im Wind, der Bach rauscht ebefalls, und die Kuhglocken läuten unentwegt, weil die Kühe immer nur kurz schlafen, meistens fressen sie entweder oder sie käuen wieder, und dabei bewegen sie ihren Kopf und damit auch den Hals und dann läuten eben die Kuhglocken, oder, was noch schlimmer ist, sie wollen nach Hause und brüllen wie Tiger. Das Ohr zerlegt die einzelnen Geräusche, die eben noch hinter dem Rauschen des Klangteppichs Regen verschwunden waren, und halten Benni wach.
Viele Menschen denken, auf dem Land, tausend Meter Luftlinie weg von der nächsten asphaltierten Straße und 500 Meter Luftlinie vom nächsten Haus, da ist es ruhig. ‚Ach ist es hier schön ruhig’, sagen sie dann, nur weil sie fest daran glauben. Zu viele Menschen wohnen an Straßen, deshalb wirbt der Fremdenverkehrverband mit Ruhe. Das aber ist gelogen. Das Gegenteil ist der Fall, auf dem Land ist es laut. Die Vögel, die Grillen, der Bach, die Kuhglocken, die Kirchenglocken. Die Kühe und die Frösche. Viele Dezibel kommen da zusammen. Vogelgezwitscher geht gerade noch, aber nur, wenn es keine Rabenvögel wie Raben Krähen, Eichelhäher und Elstern sind. Auch Kirchenglocken sind nicht förderlich der Ruhe, die Touristen fühlen sich um die versprochene Stille betrogen und beschweren sich dann beim Fremdenverkehrsamt und reden von ordinärem Gequake und dringen auf die Entfernung der Frösche als nicht endemisch in und im näheren Umkreis von Frühstückspensionen und auf Stillegung der Kirchenglocken, da sowieso niemand mehr in die Kirche gehe. Das Fremdenverkehrsamt schickt sie dann zur Entspannung in ein Motel an der Autobahn, oder rät zu einer Zugfahrt, immerhin können auch die Stöße der Eisenbahnschienen beruhigen, wenn man dabei an Piroschka oder an Lieselotte Pulver denkt, und alle sind wieder zufrieden.
Benni steht auf, schließt das Fenster, es ist feucht im Zimmer, aber nicht unangenehm. Er geht ins Bad, prüft sein Gesicht im Spiegel, es sagt ihm nichts, er wäscht es, danach schaut es noch genau so aus, geht in die Küche, die sich in einer Ecke des Wohnzimmers befindet, das den ganzen vorderen Teil des Erdgeschosses einnimmt, und kocht Kaffee, das heißt, er macht sich einen Espresso.
In seiner Küche sitzen schon zwei große dünne Mädchen, die Zwillinge Anne und Ulla, nur, welche nun Anne und welche Ulla ist, weiß er nicht. Ob sie schon auf sind oder gar nicht schlafen waren ist nicht ersichtlich, die Zwillinge kommen immer unangemeldet, wenn sie zu Hause ‚Stress haben’, wie sie sagen. Benni hat es ihnen erlaubt, das Haus ist groß genug, nur müssen sie alles so hinterlassen wie sie gekommen sind. Wie im Klo im Zug. Worin ‚der Stress’ besteht sagen sie nie, sie sind nicht der Meinung, dass die dann drohenden guten Ratschläge älterer Männer für sie relevant sind, und Benni fragt daher auch gar nicht erst. Warum sie hier sind und nicht in der Schule, es ist ein Freitag Mitte Juni, fragt er lieber auch nicht. ‚Keine Schule heute, weil Ferien’, würden sie doch nur antworten. Dafür fragen ihn jetzt die Zwillinge, warum er schon auf ist.
‚Draußen ist es mir zu laut’, beschwert er sich, ‚da konnte ich nicht mehr schlafen.
‚Unfug’, sagt eine.
‚Was hast Du denn da draußen denn böses gehört’? fragt die andere.
‚Alles Mögliche. Singvögel und Krächzvögel, Flugzeuge, Hornissen und andere Brummtiere, Traktoren, Unterhaltungen von frühen Mountainbikern, Bäche, Grillen, Kuhglocken, Marder‘ zählt Benni auf.
‚Was riechst Du hier?’ wechselt sie das Thema.
‚Kaffee?’
‚Und draußen?
‚Heu? Odel?’
‚Was schmeckst Du?’
‚Auch Kaffee?’
‚Was fühlst Du?’
‚Eine gewisse Taubheit?’ Alles mit Fragezeichen versehen, Benni weiß nicht, worauf sie hinaus will.
‚Das sagt ihm alles nichts‘ sagt die eine zur anderen resigniert.
‚Was bitte ‚sagt mir nichts’?’ hakt Benni nach.
‚Das ist doch ganz einfach. Der Samurai lehrt uns: Lerne, alle 5 Sinne sinnvoll zu gebrauchen, dann erst bekommt man einen sechsten Sinn, den Sinn, mit dem man vor und hinter die Dinge sieht.’
‚Der Samurai sagt weiter, dass erst der sechste Sinn es ermöglicht, seinen größten Widersacher, nämlich sich selbst, zu überwinden’ ergänzt ihre Schwester.
‚Sind halt Oberschüler’, denkt Benni.
Beide kommen zu Benni und schnuppern ihm im Gesicht herum. Benni weicht zurück.
‚Was soll das jetzt wieder?’ fragt er.
‚Wusstest Du nicht, dass die Eskimos sich bei der Begrüßung anschnüffeln? Dann wissen Sie gleich, was los ist, und Lügen sind völlig zwecklos, der Geruch verrät ihnen alles. Der Samurai sagt: Lerne, alle 5 Sinne zu gebrauchen’, wiederholt sie.
‚Wohnt seit Jahren unterhalb von einem blinden Bauer und hat nichts dazugelernt’, sagt kopfschüttelnd die andere. Benni hat aber selbst auch etwas in den Gesichtern der Zwillinge gerochen, nämlich kalten Rauch.
Die Zwillinge ziehen sich in eines der Gästezimmer zurück, und Benni isst ein Honigbrot. Danach schaut er noch eine Weile aus dem Fenster. Auf den Wiesen im Tal beiderseits des Baches liegt eine leichte Nebelschicht, trotz des Hochsommers. Die ganze Welt ist jetzt noch ohne Farbe, weiß-silbern. Die Wolken sind weitergezogen, und dann geht auf einmal über dem Hang gegenüber durch die Bäume die Sonne auf und die Welt wird zuerst golden und dann bunt. Benni stellt fest, dass er zufrieden ist. Er fragt sich, ob er angesichts der Schönheit, die ihn umgibt, aber auch glücklich ist.
Dann macht er sich zu Fuß auf in die vier Kilometer entfernte Kleinstadt. Er besitzt kein Auto, und Fahrradfahren mag Benni nicht, weil er Radfahrer nicht mag, sie sind nicht nett. Unterwegs unterhält er sich kurz mit den Kühen, die es schon gewöhnt sind, dass er vorbeikommt und ihn ein Stück begleiten, so lange eben, bis das eingezäunte Feld zu Ende ist.

Kapitel 12

‚Genau so wie ich es mir vorgestellt habe’, denkt Ruth und betrachtet jetzt zum dritten Mal resigniert die Ansammlung von rustikalen Balken, senkrechte, waagrechte, und quer verlaufende Balken, alle ordentlich abgebeizt und ausgelaugt, und die  bürgerlich gekleideten Menschen mit bürgerlichen Gesichtern, die sich zwischen den Balken abwechseln mit bäuerlichem Zierrat aus unbekannter Vergangenheit in Vitrinen. Ruth ist unglücklich, und der Aufenthalt in einem zu Tode renovierten Getreidestadl aus ihr ebenfalls unbekannter Vergangenheit macht sie noch unglücklicher. Ruth Eskape, Kriminalhauptkommissarin, Polizeichefin, genauer Leiterin der Polizeiinspektion Lindenberg, Rotschopf. Letzteres ist sie momentan noch am liebsten, trotz des etwas antiquierten Ausdrucks.
Ruth ist unglücklich seit dem ersten Tag, an dem sie hier angekommen ist. Polizeichefin in einem Kuhkaff. Sie ist jetzt 41 Jahre alt, durchtrainiert, und hat knallrote Haare und bald wird sie 63 Jahre alt sein und pensioniert, über ein abbezahltes Einfamilienhaus verfügen, müde sein und rotgefärbte Haare haben. Dazwischen wird sie den Diebstahl von 40 Paar weißen Socken aus einem PKW und die Brandstiftung an einem Müllcontainer bearbeitet und nicht aufgeklärt haben und 577 Anzeigen wegen minderschwerer und 29 wegen schwerer Körperverletzung bearbeitet haben. An die Millionen von Verkehrsdelikten, Parken im Parkverbot, Fahren ohne Führerschein, Zusammenstöße von rechts vor links mag sie gar nicht erst denken.
Im alten Getreidestadl ist sie, weil irgend so ein Trottel sich wichtig machen wollte, sich an die Heimatzeitung gewandt hatte und davor gewarnt, dass ein Nazischinken, den der Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels in Auftrag gegeben hatte bei dem Regisseur von Jud Süß, Veit Harlan, besetzt mit dessen Frau und Reichswasserleiche Kristina Söderbaum, den ein naiver Heimatpfleger im Rahmen eines Seminars über Napoleon als Anschauungsfilm zeigt, was für eine dämliche Schnapsidee, Neonazis anlocken könnte. Weit und breit keine Neonazis, nur bürgerliche Leute, die den Rummel ebenfalls nicht verstehen, da sie gegen solcherart primitiver Verführung gefeit seien, was irgendwie auch nicht so ganz stimmen kann, wie die jüngere Vergangenheit zeigt.
Ruth geht jetzt zum dritten Mal nach draußen um eine Zigarette zu rauchen und betrachtet dann zum vierten Mal mit immer ungläubigerem Erstaunen die Ansammlung alter Balken. Gelegentlich wandelt man mir nichts dir nichts in den Fußstapfen seines Vaters, denkt sie, ohne dass man weiß, wie einem geschieht. Ihr Vater hat schon vor 20 Jahren gesagt, das alte Glump gehöre weg, alle die omnipräsenten alten Stadl, Kirchen und was sonst noch den Krieg und das Wirtschaftswunder überstanden hatte, die die Bürgermeister der kompletten westlichen Welt mit Hilfe von allerlei Landes- und Bundesmitteln zu Schmuckstücken der Gemeinden rausgeputzt haben, und in denen dann Sperrmüll rumsteht, langweilige Vorträge gehalten werden und minderbegabte heimische Künstler ausstellen und auch nicht begabtere heimische Musiker ihre Stücke vortragen dürfen. Ruth war damals jung und idealistisch und absolut nicht seiner Meinung. Jetzt tut es ihr leid, dass sie keine Gelegenheit mehr haben wird, ihrem Vater Recht zu geben.
Ruth will hier weg, weg aus dem Getreidestadl, weg aus der Kleinstadt, sie weiß nur noch nicht, wie, aber es wird ihr schon noch einfallen.
Morgen jedenfalls ist erst einmal Polizeisirenenübung bei den Polizeiautos angesetzt. Da diese so gut wie nie benötigt werden, wird einmal im Jahr nachgeprüft, ob sie überhaupt noch funktionieren.

Kapitel 32
Samstagabend kurz vor dem Einschlafen hat Karla noch eine Idee, die ihr dann Montag früh kurz nach dem Aufwachen wieder einfällt. Sie wird Brigitte dazu bringen, mit ihr einen Spaziergang machen. Wenn etwas geeignet dazu ist, dass Brigitte endlich ruhig wird, dann ein Stadtbummel am Sonntagnachmittag. Karla fährt daher mit ihrem Mietauto zu Brigitte und teilt ihr mit, dass sie jetzt einen Stadtbummel machen werden, und sehr zum Erstaunen von Karla fügt sich Brigitte, Karla hat mehr Widerstand erwartet.  Sie fragen auch noch Franz, ob er mitgehen möchte, aber Franz sagt, dass er niemals Sonntagsspaziergänge macht, egal wohin und mit wem.
Die beiden fahren in die Kleinstadt, laufen die Hauptstraße entlang, und es ist alles genau so wie erwartet, langweilig, nichts zu sehen, nichts zu bemerken, nichts zu fühlen.
Sie kaufen sich ein Eis, der Verkäufer schaut lange das weiße Häubchen von Karla an und fragt sie, welchen Glauben sie denn habe. ‚Ja’ sagt sie, ‚ich habe einen Glauben.’ Der Eisverkäufer ist mit der Antwort zufrieden, und fertigt die Eiskugeln, einmal Nuss, einmal Schokolade.
Im Stadtcafé auf der Terrasse sitzen ein paar Frauen und lesen in Zeitungen in denen das Leben hauptberuflicher Fremdlebenzurverfügungsteller ausgebreitet ist, sie nehmen das Angebot an, das ihnen hier offeriert wird, und im Biergarten vom Lindenauer Hof, der allerdings keine Kastanienbäume hat und keine Selbstbedienung und daher nur Biergarten heißt, aber keiner ist, sitzen ein paar Männer und rauchen und trinken Bier, von dem sie sich Fremdleben erhoffen, egal welches, wenn es nur nicht ihres ist. Die Sonne scheint zwar noch immer nicht so, wie sie soll, aber es ist wärmer geworden und eigentlich könnte man erwarten, dass nach der langen Regenzeit nun die Straßen voller Menschen wären, die noch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind, kurz bevor das Wetter wieder schlechter wird und die Temperaturen wieder fallen, aber nichts da. Karla und Brigitte gehen weiter, Schaufensterbummel am Sonntagnachmittag, aber Schaufenster, die den Namen verdienen, gibt es keine, nur große Fenster, in denen entweder Geschenkartikel liegen, die die Eigenschaft besitzen, sich ein paar Monate nach Beschenkung von allen unbemerkt von selbst in Luft aufzulösen und die danach auch niemals vermisst werden, oder am Mount Everest erprobte und dementsprechend teure Bergsteigerkleidung für die Wanderung auf die umliegenden Hügel, oder Brillen, ein halbes Dutzend Optiker verteilt sich auf der keinen ganzen Kilometer langen Hauptstraße, so als würde die gesamte Kleinstadt nicht anderes tun als Geschenke verteilen, wandern und der Angst vor dem Erblinden entgegenzuarbeiten.
Karla will bei McDonalds etwas essen, aber es riecht streng, ein Geruch aus totem Tier, Socken, Brokkoli, vermischt mit Putzmittel quillt ihnen entgegen, Brigitte weigert sich. Sie sagt, sie verstehe schon, für vierfünfundsiebzig die Stunde würde sie auch in ungewaschenen Socken Putzmittel auf Boden und Tische verteilen anstatt zu putzen, aber sie muss jetzt da nicht hinein. Karla ist das recht, sie hat im hinteren Teil des Lokals einen Mann sitzen sehen, der aussieht wie ihr Mann Walt, nur ohne Bart.
Dann besuchen sie Benni in seinem Kiosk und laden ihn zu einem Kaffee oder Bier oder was auch immer in den Notausgang ein, aber Benni hat den Notausgang nicht mehr betreten seit seinem letzten Arbeitstag und er hat nicht vor, das zu ändern, obwohl er in bestem Einvernehmen gekündigt hat, wie im Arbeitszeugnis stehen würde, wenn er eines angefordert hätte.
Und dann hat Benni, der es vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen vermeidet, sich mit Ideen zu belasten, weil er damit schon schlechte Erfahrungen gemacht hat, der sich die Ideenfindung für tagsüber aufhebt, noch eine Ergänzungsidee zur Reduktion der Reizüberflutung von Brigitte und bietet an, mit zu ihm in das Einfamilienhaus zu kommen, zum Trinken von Kaffee oder von Bier oder Rum. Er sperrt den Kiosk zu und hängt ein Schild ins Fenster, auf dem ‚geschlossen’ steht, er weiß, dass seine Kunden so ein Schild erwarten, auch wenn offensichtlich ist, dass niemand da ist, und geht mit den beiden Richtung Siedlung. Karla wirft gelegentlich noch einen Blick zu den Schaufenstern, da aber nichts drin ist, was sie interessiert, dringt er nicht is zu den Auslagen vor, sondern reflektiert schon an der Scheibe. Sie sieht sich, Benni und Brigitte. Es fällt ihr auf, dass sie größer ist als Benni und wechselt vom häuserseitigen Gehsteig zum straßenseitigen, der wegen dem Gefälle zur Straße tiefer liegt, so dass beide jetzt zumindest gleichgroß erscheinen.
Auch in der Siedlung ist nun tatsächlich überhaupt nichts, wo es sich lohnt hinzuschauen, auch ist niemand auf der Straße, noch nicht einmal dicke Mütter mit dicken Kindern, Sonntag ist Familientag, da sitzen die Familien zu Hause auf dem Sofa, einmal in der Woche sind sie alle zusammen, die Eltern schauen Bayern 3 und die Kinder spielen Egoshooter oder was gerade angesagt ist. Die Kinder haben zwar gar keine Lust, die Sonntage bei den Eltern zu verbringen, wären lieber bei McDonalds, aber alte Werte sind alte Werte. An ein paar Balkonen hängen noch die lapperigen Deutschlandfahren längst vergangener Sommermärchen wie früher ungebügelte Bettwäsche zum Trocknen, billige Dinger, die man bei Lidl für 99 Cent zusammen mit 6 Flaschen Bier erstehen konnte, von nationalem Pathos keine Spur, und verdeutlichen schmerzlich, dass Deutschland sich entgegen aller Bemühungen von Host Köhler schwer tut mit dem Patriotismus. Anscheinend weiß noch niemand, dass Fahnen munter im Wind zu flattern haben, sonst wird das wieder nichts bei der nächsten Weltmeisterschaft und auch nicht in Afghanistan.
‚Lächerlich’, sagt auch Karla. ‚Ich erinnere mich daran’, erzählt sie, ‚dass die beliebten Schwedenplatten aus den deutschen Restaurants verschwanden Schweden Deutschland überraschend im Halbfinale 3:1 schlug, 1958.’
‚Was sind Schwedenplatten’ fragt Brigitte.
‚Das ist ein lustiges Arrangement aus Schwedenhappen, mariniert aus der Dose, gemischt mit Apfel- und Gurkenscheiben, Austern oder Miesmuscheln aus der Dose, geräuchert, auf dünnen Zitronenscheiben arrangiert, mit reichlich Zitronensaft beträufelter Stör in dünne Scheiben und mit grob gemahlenen Pfeffer bestreut, Krabben mit einer pikanten Sauce aus Mayonnaise und saurer Sahne, mit Orangenscheibchen garniert, Eier hartgekocht, halbiert gefüllt mit Keta-Caviar, Heringssalat mit Schnittlauchröllchen und gehackten Radieschen verfeinert  auf bissfest gegarten Kartoffelscheiben serviert und das ganze wahlweise garniert mit Sardellenfiletröllchen, Kirschtomaten, Petersilie- und Dillsträußchen, Salatblättern, Zitronenscheiben und Tupfer aus Crème fraîche.’
‚Superlecker’ sagt Brigitte.
‚Die Schwedenplatte hat sich auch nie wieder davon erholt.’
Während Benni sich an weite Teile seines Lebens nicht mehr erinnert, erinnert sich Karla an Ereignisse, die vor ihrer Geburt stattgefunden haben.
Bei Benni angekommen macht er Brigitte Kaffee und holt Rum für sich und Karla. Nach einer halben Tasse Cappuccino schläft Brigitte auf Bennis gelbem Sofa ein, einfach so, hingesetzt, die Beine müde, ein paar Schluck Kaffee, weg ist sie.

Kapitel 34
Die Skulptur zur Käsestraße wird jetzt eingeweiht, im Kurpark. Die Käsestraße führt zwar nicht direkt durch den Kurpark, eigentlich gar nicht, es ist nur wegen der Multifunktionsnutzung, Gemeinde und Käseverein versprechen sich dadurch einen der Synergieeffekte, zu denen ihnen der für viel Geld eingeschaltete Unternehmensberater immer wieder eindringlich rät. Es sind da: der Bürgermeister, das Allgäu Radio, die Lokalzeitung, der Vorstand des Vereins, der Brauereibesitzer, ein paar Betreiber von Sennereien und etwa 100 Leute, Festgäste also. Der Käse ist umsonst, das Bier kostet.
Der Bürgermeister und der Vereinsvorsitzende halten Reden, aus denen ihr völliges Fehlen jeglichen Kunstverständnisses hervorgeht, was Franz gelegen kommt. Das fertige Werk interessiert auch Franz jetzt nicht mehr, und er hat auch nicht den Eindruck, als würde es sonst jemanden interessieren. Poollandschaften, Laubbläser und Atombomben werden als notwendig erachtet, Kunst nicht, Kunst ist ein im Grunde überflüssiges Statussymbol für die Auftraggeber. Franz selbst interessiert auch immer nur der Entstehungsprozess. Die Funktionäre hingegen interessiert, wie sich das Ereignis auf ihre Reputation auswirkt.
Die Festgäste hingegen wollen sich amüsieren. Franz schließt sich ihnen an. Er strebt nicht nach Vollendung. Er erwartet nicht, wie weiland Hugo von Hoffmannsthal, oder vielmehr der Tizian Hugo von Hoffmannsthals, irgendwann eine wie auch immer geartete Gewissheit zu erlangen, er findet  nicht, dass er ‚in Irrtümern lebt’, darüber, was er tut. Er ist schließlich über 50 und arbeitet an Kunstwerken für Käsestraßen in Kurparks, er weiß, dass 30 Jahre Kurparkdekoration für einen Künstler weniger als nichts ist, aber auch weniger als nichts muss doch für etwas stehen.
Im letzten Jahr durfte er das Innere des Kreisverkehrs an der Kreuzung nach Lindenberg und Lindau dekorieren, es war sein zweiter Auftrag zur Verschönerung eines Kreisverkehrs. Er weiß bis heute nicht, warum überhaupt Kunst ins Inneren eines Kreisverkehrs gestellt wird, da es eigentlich gar keinen Grund gibt, genau hier Kunst hinzustellen. Gut ankommen würde vielleicht noch ein Reiterstandbild, nur sind Reiterstandbilder nicht mehr so recht in Mode, da kaum mehr ein wichtiger Prominenter hoch zu Ross daherkommt, und auch die alten Reiterstatuen werden zunehmend in Nischen von Parks am Stadtrand verlegt. Ein Feldherr im Auto dagegen kommt nicht ausreichend zur Geltung. Franz arbeitet oft in situ, das ist für ihn dann das Innere eines Kreisverkehrs oder ein Kurpark.
Franz stellt sich vor, wie weiland Damian Hearst, alle seine im Umkreis von 50 km verstreuten Skulpturen wieder aufzukaufen, diese jedoch nicht neu zu versteigern, sondern alle auf einen Haufen zu kippen. Das wäre endlich einmal richtige Kunst, findet er, so ein Haufen nichtsnutziger Kurparkdekorationen aus 30 Jahren.

Nach den Honoratioren darf Franz auch etwas sagen. Er erklärt, die Skulptur stelle Bruce Willis dar, wie er gerade Löcher in den Käse schießt. Die Leute nicken, sie haben gelernt, dass man über abstrakte Kunst alles behaupten kann, was einem so gerade in den Sinn kommt, auch den größten Unfug, und gestehen das auch dem Künstler zu. Franz fragt sich, why does it always rain on me? und muss lachen. Weil es in den letzten Wochen so viel geregnet hat schaut der Platz nach kürzester Zeit aus wie Plätze in Irland nach einem Rugby Spiel aussehen, und die Besucher schauen aus wie irische Rugbyspieler, unterhalb der Knie. Der Unimog der Brauerei kommt und zieht den LKW vom Roten Kreuz, das die Bewirtung übernommen hat, aus dem Schlamm.
Die Reporterin vom Allgäu Radio behauptet Franz gegenüber, dass dieser jetzt glücklich und zufrieden sein müsse, und Franz entgegnet, dass er wohl glücklich, keineswegs jedoch zufrieden sei, weil er nämlich nie zufrieden sei, und wenn man zufrieden sei dann fehle einem dafür automatisch die Neugier für das nächste. Dann fragt sie ihn noch nach seinen Vorbildern. Franz kommt ins Stottern, die Frage hat er nicht erwartet, und antwortet dann zögerlich ‚Fridjof Nansen’. Jetzt kommt die Reporterin ins Stottern, sie hat Giacometti oder wenigstens Michelangelo erwartet. Warum ausgerechnet Nansen, fragt sie. Sie hat den Namen zwar schon mal gehört, im Zusammenhang mit einem der Pole, bringt ihn aber nicht mit der Skulptur für die Westallgäuer Käsestraße in Zusammenhang.
‚Nansen wollte sich auf dem Schiff von der Küste Sibiriens an den Nordpol treiben lassen’, erzählt Franz, jetzt flüssiger. ‚Nach 18 Monaten des Driftens aber war er noch weit vom Nordpol entfernt. Daraufhin versuchte er es mit Kajaks und Schlitten über Land, aber auch das scheiterte am nicht zusammenhängenden Packeis und er kehrte wieder um, erreichte aber vor dem Winter Franz-Josef-Land nicht mehr und musste auf einer unbewohnten Insel überwintern. Erst im Juni des folgenden Jahres kam er dann gut gelaunt in Kap Flora an, in guter Verfassung und mit Übergewicht.’
Die Reporterin versteht ihn nicht und bittet ihn statt seltsamer philosophischer Exkurse doch lieber sein Werk zu interpretieren. Franz verweist sie auf Vergil, von dem er gelernt hat, nichts zu erklären. Die Reporterin ist jetzt völlig verwirrt und wendet sich dem Bürgermeister zu.
Brigitte fragt Franz, warum er so guter Dinge sei. Franz ist überrascht, dass sie ihn das fragt, bisher hat sie sich für sein Befinden als nicht zuständig erachtet, hat es ihr völlig ausgereicht, wenn er nur da war oder eben immer wieder gekommen ist.
‚Ich bin guter Dinge deshalb, weil ich nicht von mir sagen kann, dass meine großen Erfolge der Vergangenheit angehören’ antwortet er.
Franz und Karla, Benni, Trisch, und Brigitte gehen danach noch in ein gemütliches Restaurant, und am gemütlichsten ist es Beim Italiener. Natürlich gibt es auch italienische Restaurants, die ordentliches Essen haben und bei denen es nicht so gemütlich ist, und die daher zum lockeren Zusammensitzen nicht so geeignet sind, aber die werden dann beim Namen genannt und heißen nicht einfach Beim Italiener, so dass man sich vorher drauf einstellen kann. Brigitte möchte eine Kleinigkeit essen, sie hat keinen kostenlosen Käse gegessen.
‚Laktoseunverträglichkeit’? fragt Karla. Brigitte verneint. Sie habe nur gehört, dass man vom Käsegenuss eine unschöne, fast schon entstellende, nach außen gewölbte Unterlippe bekommt. Karla sagt, das sei der größte Unfug, den sie in den letzten Tagen gehört habe, was Brigitte darin bestätigt, möglich wenig zu wissen, weil das meiste eh Unfug ist.
Benni versucht sie davon abzuhalten, sich etwas zum Essen zu bestellen, aber Brigitte weiß anscheinend nicht, dass man Beim Italiener einen netten Abend verbringen kann, solange man dort nicht auch noch isst, und bestellt einen Salat. Natürlich verlangt der Ober jetzt von Brigitte, wie bei allen Italienern auf der Welt, sich ihren Salat gefälligst selber anzumachen, indem er ihr zum Salat eine Tischmöblierung aus Öl Essig Salz und Pfeffer vor die Nase knallt. Jetzt ist sich Brigitte nicht mehr ganz so sicher, ob ein Grundwissen, zum Beispiel über die Sitten und Gebräuche Beim Italiener, nicht doch hilfreich sein kann. Trisch kommt ihr zu Hilfe und bittet um ein Schüsselchen, um die Salatsoße anzumachen. Der Ober meint aber, sie sei doch wohl nicht Britney Spears, denn dann könnte sie darauf bestehen, dass ihr ein Schüsselchen gereicht wird, da die Celebrities bekanntlich Eigenarten pflegten wie etwa Mineralwasser für ihr Hündchen aus Gletscherwasser von Grönland einfliegen lassen. Wen aber niemand kenne, dem werde bereits das schlichte Verlangen nach einer Salatsoßenbereitungsunterlage nicht als kreative Persönlichkeitserweiterung durchgewunken, sondern der würde als Prinzipienreiter angesehen und mit schiefen Blicken gequält, die sagen sollten, lass dich hier bloß nicht mehr blicken, du unbekannter Wichtel. Und das wolle sie doch nicht, er würde ungern auf sie als Gast verzichten. Trisch schüttet aus Versehen ihr Bier um, in Richtung Kellner, und Brigitte gießt, wie Millionen Beimitalienerbesucher vor ihr, Essig Öl Salz und Pfeffer auf den Salatberg und verteilt alles zusammen zu zwei Dritteln im Teller und einem Drittel auf dem Tisch. Besonders die Salatblätter zieht es dabei aus dem Teller auf und ein paar auch unter den Tisch, sie sind riesig, die wenigen im Teller verbliebenen Salatblätter kann Brigitte nur essen, indem sie sie auf die Gabel aufspießt und dann daran knabbert wie der Hase.
Es ist das letzte Mal für lange, dass alle so fröhlich sind, sogar das letzte Mal, dass alle zusammen fröhlich sind.

Kapitel 45
Trisch fährt nach Hause und wartet auf die Polizei. Ihr wird bewusst, wie sehr Jan da war, auch wenn er nicht da war. Die Polizei kommt in den frühen Morgenstunden und durchsucht das Haus, nimmt ein paar Ordner mit, viel ist es nicht, was Jan mit ins Allgäu genommen hat, das meiste hat er in München gelagert, das sagt sie den Ermittlern natürlich nicht. Als sie fertig sind und das Haus freigeben packt sie ein paar Koffer und fährt in ihrem hellblauen Fiat Cabriolet nach München. Auf der Strecke von Lindenberg bis München zählt sie sieben McDonalds, für eine Frau mit Hund allein ein angemessener Platz, sie geht in drei davon, das erste Mal weil sie Hunger hat, sie hat seit 24 Stunden nichts gegessen, das zweite Mal weil sie sowieso rausfahren musste zum Tanken und das dritte Mal weil sie sich daran gewöhnt hat. Ohne dass es ihr schlecht wird, aber vielleicht hat sie auch das meiste an den Fox verfüttert und hat es nur vergessen.
In München fällt ihr ein, dass sie ihre Wohnung vermietet haben, bevor sie ins Allgäu gezogen sind, dass alles, was Vergangenheit ist Mehrzahl ist und die Gegenwart Einzahl, und dass sie da jetzt sowieso nicht sein hätte wollen, ganz allein. Sie wohnt daher nun im Hotel, das ist ihr recht, sagt niemand Bescheid, bekommt aber auch keinen Besuch, starrt stundenlang Löcher in die Luft, geht wenig aus, eigentlich nur einmal am Tag mit dem Fox zu McDonalds, isst eines der sogenannten Menüs, bedankt sich artig für die lustige Tasse, die man geschenkt bekommt, wenn man vollständige sogenannte Menüs isst, Burger mit Pommes, Cola und Apfeltasche, schleicht nachts in den Nebenstraßen herum, merkt nach einiger Zeit, dass ihr Hotelzimmer immer größer wird, woraus sie schließt, dass sie beginnt sich allmählich aufzulösen. 
Sie zieht also aus ihrem Hotelzimmer aus, beim Packen fallen ihr 17 lustige Tassen auf, die sie zu den 17 Menüs dazugeschenkt bekommen hat, aufgereiht auf dem Zitat eines Tisches, wie oft in Hotels, statt echten Tischen, an der Wand rumstehend, und jetzt endlich wird ihr schlecht, sie rennt ins Bad und muss sich übergeben, oder anders ausgedrückt, kotzt sich die Seele aus dem Leib, zuerst ins Waschbecken, dann kippt sie um, hält sich am Badewannenrand fest, kotzt den grünen Rest in die Badewanne.
Sie mietet sich eine Wohnung in einer umgebauten Schlosserei im Hof eines düsteren Gründerzeitblockes, eine ebenerdige Wohnung ohne Garten, sie kann jetzt nicht mehr auf der Dachterrasse oder im Garten sitzen und auf Jan warten, und lässt ihre Möbel aus dem düsteren Haus im Allgäu kommen. Sie geht noch immer nicht gerne aus der Wohnung, versucht die Zeit mit Fernsehen zu verbringen, aber Fernsehen geht auch nicht gut, Bruce Willis gerade noch und Tiere suchen ein Zuhause, Sportschau aber ganz schlecht. Nach über einer Woche geht sie dann zum ersten Mal in das Büro, in dem Jan in einem Tresor alle Unterlagen aufbewahrt hat. Sie stellt fest, dass irgendwo noch einee große Anzahl unverkäuflicher Bilder sein muss, ansonsten aber kaum Geld, und dass außer der Dachterrassenwohnung keine weiteren Sachwerte vorhanden sind und sie in kurzer Zeit Geld verdienen muss oder doch versuchen muss, die Bilder irgendwie zu verticken. Wenn sie erst einmal herausgefunden hat, wo Jan sie versteckt hat. Sie könnte aber auch wieder wie früher als Verkäuferin in dem Feinkostladen arbeiten oder als Geschäftsführerin eines Cafés.
Sie arbeitet sich tagelang mühsam durch die Geschäftspapiere ihres Mannes. Sie geht nicht davon aus, dass es für sie ein Problem darstellen wird, jetzt alles allein zu machen, auch wenn noch immer die Männer Auto fahren, Banküberweisungen machen und Hotels reservieren, solange sie noch da sind. Durch die Organisation ihres Lebens hört auch ihr Auflösungsprozess auf, anscheinend ist der Mensch dann ein Mensch, wenn er alberne Organisationsabläufe tätigt. Oder wenn jemand bei ihm ist. Jan hat Trisch keine Details seiner Arbeit verraten, sie muss sich alles selbst herleiten, vermeidet dadurch aber auch, einfach den möglichen Fehleinschätzungen zu folgen, die Jan wahrscheinlich das Leben gekostet haben, Trisch ist nicht dumm.
Trisch muss nun alle Behördengänge selbst machen, die früher Jan gemacht hat und wegen seinem Nichtmehrdasein noch einige mehr. Sie stellt fest, dass sich die Optik von Behörden und Verwaltungen entschieden verbessert hat. Saßen früher unverschämte muffige graue Beamten selbst bei 30 Grand im Schatten in Anzug und Krawatte in verrauchten unklimatisierten muffigen Büros, die über verrauchte streng riechende Korridore zu erreichen waren, mit Möbeln, die vor dem Krieg vom Amt zum Mütter- und Kinderkriegshilfswerk gelangt waren und nach dem Krieg wieder zurück ins Amt, so trifft sie nun auf gutgelaunte langhaarige Nichtraucher in freundlichen hellen Büros auf Designerstühlen an Designertischen vor Designerschränken. Nur die verstaubten Blumentöpfe sind noch alle da, mit dummen Topfpflanzen darin, weil Pflanzen ihr Gehirn in den Wurzelspitzen haben, die ihnen aber abgeschnitten werden, damit sie besser in den Topf passen. Die Pflanzen werden dann auch dementsprechend respektlos behandelt, ‚die dummen Dinger’. Ebenfalls noch da ist die Absurdität des Behördendaseins, pro Person 35 Jahre Aktennotizen, Ablagen, Bewilligungsbescheide, Beglaubigungen, Abmahnungen, Protokolle. Der Marsch durch die Institutionen als Ergebnis der 68er, oder wie man die Zeit auch nennen mag, kläglich gescheitert, nichts weiter als die Verschleierung des Wunsches nach kleinbürgerlicher Sicherheit, Trisch neigt dazu, den Kontakt zu Leuten abzubrechen, die etwas von Kulturkampf in urbanen Lebensfeldern erzählen, so wie ihre Freundin.

Kapitel 51
Schluss
Benni schaut gedankenverloren die Kühe an, die auf den Wiesen am Zaun unterhalb von seinem Garten stehen, die neugierig und doch irgendwie ganz verständnisvoll mit ihren braunen tiefen Augen zurückschauen. Er denkt sich, was sind das nun für Tiere?
Er hat im Westallgäuer gelesen, dass es von dem echten Allgäuer graubraunen Höhenvieh nur noch ein paar hundert Exemplare gibt, dass das, was da rumsteht, also nur zusammengezüchtetes Braunvieh ist, fakes quasi, nur auf Milchleistung getrimmt, auch wenn die Kühe noch echte Hörner haben, eher eine Seltenheit. Er hat im Internet nachgeschaut, wie ein echtes Allgäuer graubraunes Höhenvieh aussieht, damit er es auch erkennt, wenn ihm einmal eines über den Weg läuft, aber das ist nicht so einfach, man kann die ganzen Eigenschaften, die da beschrieben werden, dem echten graubraunen Allgäuer Höhenvieh ja nicht ansehen. Dass es sowohl hochwertige Milch als auch schmackhaftes Fleisch liefert, einen ausgeglichenen Charakter hat, ruhig und friedfertig ist und als äußerst robust gilt, in Punkto Euter- und Klauengesundheit es die Nase vorn hat, und es fast doppelt so lange wie viele Hochleistungs-Rassen lebt. Und wegen ihres breiten Beckens es auch beim Kalben weniger Probleme hat. Da es ist etwas leichter ist, richtet es im Gebirge weniger Trittschäden an und dass es mit dem Futter auskommt, das es auf den Wiesen findet. Dass es zu niedrig ist, da passen dann die Melkmaschinen nicht unter den Euter, das könnte ein Anhaltspunkt sein, einmal eines zu erkennen, nur 140 cm hoch und gedrungen.
‚Und ihr seid also das Moderne Allgäuer Braunvieh’, sagt er zu den Kühen, die da auf der Weide stehen, ‚ihr seid also im Gegensatz zum Original Allgäuer Grauvieh Hochleistungsmilchmaschinen, eingekreuzt aus amerikanischen Brown Swiss, und deshalb werdet ihr auch nur halb so alt, gebt aber doppelt so viel Milch, 10.000 Liter pro Jahr, die Aldi dann für 27 ct den Liter kauft, und seid so hoch, dass zwar die Melkmaschine drunter passt, ihr aber für Almen damit unbrauchbar werdet, weil ihr deshalb öfters mal umfällt und den Hang runterkugelt, und außerdem Trittschäden verursacht, weil ihr zu schwer für die steilen Almwiesen seid. Aber weil ihr auf Kraftfutter angewiesen seid, sind Almen sowieso nichts für euch, die Verdauung ohne Kraftfutter wäre in nullkommanix im Keller, Stoffwechselprobleme noch und noch. Ist zwar verrückt, wird euch aber auch egal sein.’
Er fragt sich, sind die falschen Kühe nun trotzdem glücklich?
Die Kühe sind klug und können die Gedanken von Benni lesen und schauen fragend zu ihm hin, um näheres zu erfahren, haben aber sofort wieder vergessen, worüber sie eigentlich näheres erfahren wollten und beginnen wieder zu grasen.
Benni weiß von vielen Diskussionen und aus dem Fernsehen, dass in der Literatur mit den Kühen oft Schindluder getrieben worden ist. Da ist die Rede von ‚entrückten Wesen, von erhabener Existenz beseelt, die den Kiefer bewegen als würden sie beten, ein inneres Gespräch mit Gott suchend’ und ähnlichem Quark.
Einzig Nietzsche verstand die Kühe, als er schrieb:
‚Der Mensch fragt wohl das Thier, warum redest Du nicht von deinem Glück und siehst mich nur an? Das Thier will auch antworten, dass es immer gleich vergesse, was es sagen wolle, da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg.’
Benni aber versteht, was Nietzsche meint:
Oft schon erkannte er selbst in unbeschreiblicher Klarheit und Deutlichkeit Zusammenhänge und das Wesen von Vorgängen, aber als er es in sein Gedächtnis speichern wollte war alles wieder weg.
Das Glück ist dem Menschen also nicht zu vermitteln:
Die ewige Wiederkehr des Immergleichen.

Er sitzt im Garten von seinem nun wieder halbwegs geraden Haus am Hang zum Rothachtal zwischen den Viehweiden und Streuberwiesen, so wie in alten Filmen immer der Bauer nach getanem Tagwerk, in einem Kreis von Buchen, das einmal als Buchenrondell angelegt worden war, dann aber nie geschnitten wurde, so dass es nun richtige große Bäume sind, und ist froh, dass der Prediger das Haus verwechselt hat, sonst säße er immer noch in der Reihenhaussiedlung. Auf dem Holzapfelbaum neben dem Haus sitzt ein Kolkrabe, der davonfliegt, wütend quakend, ein Geräusch wie von Enten oder fliegenden Fröschen, als Benni aufsteht und sich ein Weißbier holt.
Er ist wieder allein, sieht man von dem Huhn einmal ab, das vor ihm in der Wiese scharrt und das sich nie mehr als zwei Meter von ihm entfernt und noch immer bei ihm im Badezimmer wohnt, und dem Fox, den Trisch bei ihm gelassen hat. Ob Trisch wieder kommt weiß er nicht, das dauert noch, lieber wäre es ihm schon.
Bald wird es Winter werden. Jahreszeiten sind Benni egal, die eine so recht wie die andere, der Winter ist ihm aber dann doch ein bisschen weniger recht, weil der Winter ständig weggeheizt werden muss und oft wie früher das Testbild nach Sendeschluss aussieht, als es noch Sendeschluss im Fernsehen gab.
Aber noch ist es warm genug, um draußen zu sitzen. Der Fox kommt von seinem täglichen Kontrollgang zurück und legte sich unter den Tisch.
Die Sonne sinkt in einem Rausch aus Rot und Gold. Von Weiler dringt Glockengeläut durch das Tal. Dämmerung kommt über das Land.
Der Hund knurrt.