< KAMINZIMMER

Waldesruh
Eine Kriminalgeschichte

‚Danke vielmals', wiederholte der Mann eher genervt als beunruhigt, aber da hatte der Anrufer bereits wieder aufgelegt.
‚Das war doch sicher wieder dieser Verrückte', nuschelte seine Frau verschlafen in ihr Kopfkissen.
‚Wenn nicht binnen 15 Minuten das Geld unterwegs bin, bist du tot, hat er gesagt, er würde sich jetzt nicht länger hinhalten lassen.'
‚Der dämliche Idiot. Wie spät ist es überhaupt?'
‚Fünf nach halb Sieben.'
‚Der dämliche Idiot', wiederholte die Frau. ‚Halb Sieben. Am Sonntag! Schlaf weiter.'
‚Jetzt bin ich schon wach', stellte der Mann verstimmt fest.
‚Dann können wir auch gleich aufstehen und frühstücken', sagte die Frau jetzt deutlicher und stand auf, zog die Vorhänge auf und öffnete die Fenster.
‚Ein Sonntagsfrühstück bei Sonnenaufgang, das wäre doch jetzt romantisch', schlug der Mann vor und ging auf die Toilette.
‚Es ist zwar warm draußen, aber doch ziemlich nebelig', rief ihm die Frau hinterher, die sich zu Recht wunderte.
Das sei jetzt auch schon egal, meinte der Mann, was die Frau aber wegen der Zahnbürste in seinem Mund nicht verstand.

Eine Viertelstunde später war die Frau tot.
Ihr Mann fand sie auf der Terrasse, über dem Tisch mit den Haaren im Wildlachs liegend, als er frischen Kaffee aus der Küche brachte. Er rief die Polizei an, die ihn bat, nichts anzurühren, woraufhin er sagte, dass er dann besser bei seinem Nachbarn gegenüber auf sie warten wolle.
Eine weitere Viertelstunde später trafen ein: Erst ein Streifenwagen, dann gleichzeitig zwei Krankenwagen von verschiedenen Hilfsdiensten, mit je zwei Sanitätern mit Bahren, die sich noch im Vorgarten versuchten zu überholen, was wegen der sperrigen Bahren nicht einfach war, und danach ein Zivilfahrzeug mit, wie sich später herausstellte, der Spurensicherung, bestehend aus einem dünnen, sehr jungen Mann und einer älteren Frau.
Der Mann sperrte die Haustüre auf und die ersten sechs Personen drängten in die Wohnung, da sie anscheinend niemand vor dem Verwischen möglicher Spuren gewarnt hatte. Im Flur stockte der Pulk. ‚Wo befindet sich denn die Leiche?' rief einer der Sanitäter. ‚Geradeaus durch auf der Terrasse', antwortete der Mann, der an der Türe stehen geblieben war.
Der Pulk setzte sich wieder in Bewegung, der Mann blieb weiter an der Haustüre stehen. Das Paar von der Spurensicherung trat nun ebenfalls ein, wobei die Frau leise zu ihrem Kollegen etwas wie ‚da können wir auch gleich wieder gehen' sagte, was der Mann an der Türe aber nicht genau verstehen konnte.
Nach einer Weile, die dem Mann ewig erschienen war, kam einer der Streifenpolizisten zurück und ließ sich die Namen geben und den Ablauf erzählen. Alle diese Angaben, die in so einem Fall wohl immer anzugeben sind, dachte sich der Mann. Dann wurde er gebeten, die Tote zu identifizieren.
‚Reine Formsache', sagte der Polizist.
Das sagst Du so leicht, dachte der Mann, schließlich war sie meine Frau, das ist keine so reine Formsache für mich, aber er sagte nichts.
Der Teller mit dem Lachs stand noch auf dem Tisch, aber die Tote lag nun nicht mehr über dem Tisch, sondern auf der Bahre derjenigen Rettungssanitäter, die als erstes die Wohnung erreicht hatten, der Gewinner. Die anderen Sanitäter, die leer ausgegangen waren, die Verlierer, schickten sich gerade an zu gehen.
‚Das ist nicht meine Frau', sagte der Mann. ‚Kutschinsky, Kriminalpolizei', sagte die Frau, die in einem weiteren Streifenwagen hergefahren worden war, hielt ihm kurz eine Plastikkarte vor die Nase, die genauso gut der Bibliotheksausweis von Erika Mustermann hätte sein können und gab ihm ihre Visitenkarte. R. Kutschinsky, Kriminalhauptkommissarin, stand darauf, und eine Mobiltelefonnummer.
R. wie Ruth. Rosina. Rita. Rachel? überlegte der Mann.
‚Sie haben angegeben, dass die Tote Ihre Putzfrau war?'
‚Unsere Putze', bestätigte der Mann geistesabwesend. Rosemarie. Renate. Rotraud?
‚Neu, war es eine neue Putzfrau oder war sie schon länger bei Ihnen?'
‚Seit 12 Jahren', sagte der Mann. Er sollte sich jetzt wohl besser konzentrieren anstatt immer mit den Gedanken abzudriften, dachte er. ‚Meine Frau hat sie quasi mit in die Ehe gebracht', ergänzte er.
‚Ihre Frau war vermögend?'
‚Ihre Eltern waren einmal vermögend. Viel ist nicht übrig geblieben, schauen Sie sich doch um.'
‚Und Sie?'
‚Als angestellter Architekt? Da muss ich aber lachen.'
‚Da müssten Sie lachen, Konjunktiv. Wenn Ihre Frau nicht tot wäre. Weil Ihnen eben deshalb nicht zum Lachen zu Mute ist.'
Blöde Ziege, dachte der Mann.
‚Denn angerufen haben Sie uns ja, weil angeblich Ihre Frau tot sei. Das verstehe ich allerdings nun nicht. Ist Ihre Frau denn zwischenzeitlich von den Toten wieder auferstanden und einfach weggegangen?'
‚Quatsch. Sie war tot. Ohne jeden Zweifel.'
Obwohl sie keine auf den ersten Blick sichtbaren äußeren Verletzungen aufgewiesen hatte, bestand für ihn daran kein Zweifel. Tote sehen einfach anders aus als Lebende, das weiß jeder, dem einmal eine Katze oder ein Hund oder auch ein Elternteil unter den Fingern weggestorben ist: Wenn der Tod eintritt, verlässt die Seele, oder was auch immer das ist, den Körpers und das Leben in dem Wesen ist unwiederbringlich erloschen. Zurück bleibt nunmehr die leere Hülle. Das müsste Sie doch eigentlich wissen, wenn sie bei der Kripo ist, wunderte sich der Mann.
‚Und wo ist Ihre Frau jetzt?'
‚Ich weiß es nicht.'
‚Eine Vermutung?'
‚Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.'
‚Haben Sie denn irgendetwas gehört oder gesehen?'
‚Weder noch.'
‚Sie waren nicht die ganze Zeit in der Wohnung?'
‚Nein, ich habe bei meinem Nachbarn gewartet. Ich sollte ja keine Spuren verwischen.'
‚Und vielleicht war der Mörder noch im Haus und ist von der Putzfrau überrascht worden.'
‚Völlig ausgeschlossen. Da war niemand, das hätte ich gespürt.'
‚Das schaut aber dann nicht gut aus. Für Sie. Wenn Sie der Einzige im Haus waren.'
Der Mann wusste natürlich, dass die nächsten Angehörigen immer zu erst verdächtig werden. Zumal er vor kurzem im Lotto gewonnen hatte und vor hatte, aus dem alten Haus auszuziehen und bereits mehrmals andere Häuser besichtigt hatte, und zwar jedes Mal ohne seine Frau. Aber das alles würde die Polizei noch früh genug heraus bekommen, da machte er sich keine Illusionen.
‚Vielleicht war es ja auch ein Komplize, und sie haben Ihre Frau . . .'
‚Sagt man heutzutage eigentlich noch Komplize, Komplize klingt irgendwie antiquiert, wie aus alten Fernsehfilmen.'
‚Wir können das Gespräch auch auf dem Revier fortsetzen', sagte R. leicht verärgert.
Der Mann wollte jetzt nicht weiter Öl ins Feuer gießen und einwerfen, dass heutzutage auch nur mehr im Fernsehen Leute freiwillig aufs Revier kämen um so lange Fragen zu beantworten, bis sie sich selber überführt hätten, und bot ihr einen Kaffee an. R. setzte sich auf die Terrasse und der Mann ging in die Küche
‚Wie ist sie denn gestorben?' rief er.
‚Ihre Putzfrau? Sie ist erschossen worden. Und ihre Frau?'
‚Keine Ahnung, ich habe sie nicht berührt oder gar umgedreht.'
‚Die Putzfrau jedenfalls ist erschossen worden', wiederholte R.
‚Die Ballistiker müssten doch den Einschusswinkel feststellen können. Der Schuss kann eigentlich nur von gegenüber gekommen sein', meinte der Mann.'
‚Was ist das für ein scheußlicher Riesenblock auf der anderen Seite der Wiese?' fragte die Kriminalhauptkommissarin.
‚Da hinten? Ein Altersheim. Verzeihung, eine Seniorenresidenz, Residenz Waldesruh oder Alpenglühn oder so ähnlich.'
Der Mann schüttete den kalten Kaffee aus der Kanne weg und gab neues Kaffeepulver in die Kaffeemaschine, die immer noch angeschaltet geblieben war.
‚Der Schütze muss von dort geschossen haben, anders ist das doch gar nicht möglich.'
‚Und was sollen wir da machen? Das sind doch mindestens 500 Appartements. Alle durchsuchen? Das ist völlig ausgeschlossen. Wenn das tatsächlich ein Altersheim ist, handeln wir uns noch 2 Herzinfarkte dazu ein, was meinen Sie, was das für einen Tanz in den Zeitungen gibt. Völlig ausgeschlossen.'
Der Mann ließ jetzt Wasser durch den Filter laufen. Er dachte, wer Komplize sagt, trinkt lieber Filterkaffee als Espresso, aber wie er mit der Kanne wieder auf dem Balkon kam, wollte R. keinen Kaffee mehr, weil sie in fast der gleichen Stellung wie kurz zuvor seine Frau tot über dem Tisch lag, nur dass der Lachs vorher entfernt worden war, vermutlich von der Spurensicherung.
Der Mann ließ sich auf den gefliesten Balkonboden sinken und fing an zu heulen.
Der Rentner in dem 2-Zimmer-Appartement in der Seniorenresidenz war 77 Jahre alt, was man ihm aber nicht ansah, er hielt sich sehr gerade, konnte noch ohne Brille lesen und hatte die gesunde Hautfarbe aus seiner aktiven Zeit bei Bundeswehr und privaten Sicherheitsdiensten bewahrt.. Er trug einen eleganten grauen Anzug, es war schließlich Sonntag.
‚Das haben wir vermasselt', sagte zu seinem Neffen.
Sein Neffe war erst 55 Jahre alt, was man ihm durchaus angesehen hat, und trug einen türkisen Trainingsanzug mit glänzenden weinroten Streifen an der Seite. Er hatte auch keine gesunde Hautfarbe, weil er im Archiv der Lottozentrale arbeitete, das sich im Keller befindet.
Du hast es vermasselt, dachte er, nicht wir, du allein, was er aber nicht laut sagte.
‚Jetzt komm ich hier wieder nicht raus aus der verdammten Maschine', ergänzte der Rentner weinerlich. Mit Maschine meinte er das perfekt funktionierende Altersheim.
‚Und ich komme wieder nicht nach Feuerland', sagte die Lottohilfskraft im Gegensatz dazu relativ emotionslos, fast resigniert und mehr aus Höflichkeit denn aus Mitteilungsbedürfnis.
‚So schnell kriegen wir keinen Lottogewinner mehr her zum Erpressen, der noch dazu so günstig wohnt', jammerte der Rentner weiter.
‚Wohl wahr. Warum hast Du die Frau überhaupt erschossen?'
‚Die wollten ja überhaupt nicht zahlen, die haben uns doch nur verarscht!' brummte der Rentner, der zu Altersstarrsinn neigte, gerade Haltung hin oder her.
‚Ist ja in Ordnung, beruhige Dich wieder, wir hätten ihn trotzdem immer noch am Wickel gehabt . . .'
‚Der war doch sicher froh, als die Alte weg war!'
‚Geschenkt. Aber gleich drei Frauen hintereinander. . .'
‚Meine Güte, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, ich war mir ganz sicher, dass sie gleich beim ersten Mal erwischt habe.'
‚Das hast Du auch, und ich habe die Leiche auch sofort beseitigt. Bis dahin passt es ja noch, einigermaßen wenigstens. Aber warum Du die anderen zwei dann auch noch abgeknallt hast, das kapier ich immer noch nicht.'
‚Ich war mir sicher, dass ich die Frau erwischt habe', wiederholte er, ‚aber als ich vom Frühstück zurückkam, war sie schon wieder da. Sonntags gibt es bei uns immer frische Croissants', ergänzte er.
Der Neffe verdrehte die Augen. ‚Und dann hast Du sie gleich nochmals erschossen, Und dann noch ein drittes Mal.'
‚Nach dem Mittagessen war sie doch schon wieder da. Dieser Scheißnebel. Ich konnte sie schließlich nicht genau erkennen. Es war zum Verzweifeln.'
‚Dafür waren es aber gute Schüsse, gratuliere', meinte der Neffe sarkastisch, ‚ich meine, für diese schlechte Sicht perfekte Treffer.'
‚Die Umrisse waren schließlich ausgezeichnet zu sehen', beharrte der Rentner stur darauf, dass ihn keine Schuld träfe.
Der Neffe zucke jetzt die Schultern, um nicht ständig die Augen verdrehen zu müssen.
‚Vielleicht nimmst Du mal vorsichtshalber das Gewehr mit', sagte der Rentner, nun doch unsicher geworden, und holte die Waffe unter dem Kleiderschrank hervor.
‚Das halte ich für völlig unnötig', meinte der Neffe. ‚Die werden doch keine Razzia im Altersheim machen und alle 500 Suiten durchsuchen.' Suiten sagte er leicht ironisch, war sich aber nicht sicher, ob die Ironie beim Gegenüber ankommen würde.
‚388', berichtigte der Alte auch gleich ironiefrei.
‚Dann eben 388', sagte der Neffe jetzt völlig resigniert.
‚Wahrscheinlich nicht', nahm der Rentner das Thema wieder auf und schob das Gewehr zurück unter den Schrank.