< KAMINZIMMER

Nicht Du bist verrückt, sondern Dein Psychoanalytiker
New York 2002

Als ich in München abflog nieselte es, bei 17 Grad, in New York angekommen ging gerade die Sonne unter, bei 35 Grad, Celsius wohlgemerkt. Ich fuhr mit der U-Bahn vom Flughafen GFK nach Manhattan, weil mir niemand gesagt hatte, dass man nicht mit der U-Bahn vom Flughafen in die Stadt fahren sollte, weil diese Fahrt durch eine dunkle stinkende Röhre über eine Stunde dauert, ohne Halt, wobei man gelegentlich an matt beleuchteten Geisterbahnhöfen vorbeifuhr, die mit einer graphitfarbenen Staubschicht bedeckt waren, an denen seit mindestens Kennedy niemand mehr aus- und niemand eingestiegen ist. Die geeignet ist, auch solchen Leuten Platzangst einzujagen, bei denen das Wort Platzangst sonst in ihrem Wortschatz nicht präsent ist.
Als ich in Manhattan ankam war mir schlecht.
Ich ging daher erst einmal nicht ins vorgebuchte Hotel sondern mit meine beiden hellbraunen genoppten Lederköfferchen spazieren, schaute mir das Grand Central Station an, fuhr mit der U-Bahn zum MOM, saß eine halbe Stunde im Skulpturengarten, ging in einen Russian Tee Room, kaufte in einem Kaufhaus fertige Sandwiches und eine Büchse Coca Cola, rauchte eine Mentholzigarette der Marke Newport, die mir einmal der Freund einer Freundin, ein schwarzer Sergeant der Amerikaner in München, als noch Amerikaner in München stationiert waren, als das nonplusultra der Mentholzigaretten beschrieben hatte, dann wartete ich darauf, dass mir von der Mentholzigarette nicht mehr schwindlig war und lief wieder Richtung U-Bahnstation. Auf dem Weg kaufte ich in einem Dunkin Donat noch einen Blaubeerkrapfen, der aber das Synonym eines Scheißkindergeburtstag' war. Ich ließ den schwarzblauen schmierig-zähen Inhalt in einen Abfalleimer auf dem Parkplatz fliesen. Als Kind fand ich es immer doof, vom Krapfen den ganzen Teig essen zu müssen, nur um ein kleines bisschen Marmelade zu finden, aber doch nicht den ganzen Krapfen ohne Teig, dafür voll Marmelade! Da muss man sich eigentlich schon kotzen. Ich wischte mir die Finger an den Kniekehlen ab, da die mitgelieferte Serviette voller Blaubeermarmelade war. Mir war schon wieder schlecht.
Im Hotel angekommen bemerkte ich, dass auch in Amerika you get what you pay gilt und das Zimmer nur ein einziges Schloss hatte, das aber nicht funktionierte. Ein Freund hatte vor der Abreise berichtet, seine Hotelzimmertüre habe sieben Schlösser gehabt. Ich hatte schon daran gedacht, dass er damit vielleicht etwas übertreibt, aber ein einziges Schloss, mit dem sich die Türe noch nicht einmal verschließen ließ, weil es offensichtlich auch noch defekt war, hatte ich nicht erwartet, auch wenn das Carlton Arms zugegeben das billigste Hotel war, das ich hatte finden können.
‚Das Schloss ist kaputt', sagte ich an der Rezeption zu einem Langhaarigen, der schon bei meiner Ankunft aus einem der hinteren Zimmer gekommen war und jetzt noch immer hinter der Theke saß und Zeitung las.
‚Ich weiß', sagte der Langhaarige, ‚Zimmer 12. Seit Wochen soll Gerry das verdammte Schloss reparieren.' Er setzte einen gequälten Gesichtsausdruck auf.
‚Was soll ich mit meiner Fotoausrüstung machen, kann ich sie hier abgeben, wenn ich sie nicht mitnehme?' Ich wusste nichts über Gerry und wann er dazukommen würde, das verdammte Schloss zu reparieren, vielleicht war er ja in Urlaub oder krank oder es gab sonst etwas, was ihn hinderte. Ich wollte nun nicht so dastehen, dass ich vielleicht nachts angst bekommen würde und schob die Sorge um die Fotoausrüstung vor.
‚Nicht nötig', sagte der Langhaarige freundlich.
Tatsächlich kam während der 7 Wochen, in denen ich in New York zu tun hatte, Gerry nicht dazu, das verdammte Schloss zu reparieren, vielleicht war Gerry ja nur ein Phantom, zuständig für alle nicht erledigten Sachen. Es hat mir aber auch nie jemand mir während des Schlafes ein Leid getan oder irgendetwas entwendet. Nur etwas hinein getan. Aber das hat mir dann auch schon gereicht.

Ich nahm also meinen Fotokoffer wieder und ging die Treppe hinauf ins Zimmer zurück. Neben mir ging ein etwa 50 Jähriger Mann mit einem Koffer und einer gelben Plastiktüte mit jcpenny - Aufdruck.
‚Auch gerade angekommen'? fragte ich. Ich bin normalerweise eher schüchtern, aber ich kannte noch keinen Menschen außer meinen geschäftlichen Kontakten und hoffte darauf, dass es ihm genau so ging und wir die ersten Tage eine Zweckgemeinschaft der Neuankömmlinge gründen konnten.
‚Yeah', sagte der Mann. Er war etwas kleiner als ich, volle dunkle Haare und einen mit grauen Haaren durchsetzten Vollbart. Er schaute mich freundlich an.
‚Wo kommen Sie her', fragte ich.
‚Das geht Sie einen Scheißdreck an', sagte der Mann, noch immer freundlich. Soviel zur ersten Kontaktaufnahme in New York. Neujork.
Da ich noch viel Zeit hatte legte ich mich aufs Bett. Fernseher gibt es nicht im Carlton Arms, schon gar nicht mit HBO. Nach 10 Sekunden war ich eingeschlafen.
Nach etwa einer halben Stunde klopfte es.
‚Es ist offen', rief ich verschlafen. Der Mann von vorhin kam herein.
‚Ich war unhöflich', sagte er. ‚Wenn Sie gestatten, möchte ich mich entschuldigen und Sie zu einem Bier einladen. Direkt um die Ecke habe ich eine nette Bar gesehen. Ich heiße übrigens John.'
‚Markus', stellte ich mich auch nur mit Vornahmen vor und erwiderte, er solle sich darüber keine Gedanken machen und dass ich gerne mit ihm ein Bier trinken würde.
‚Leider muss ich noch kurz zu meinem Auftraggeber, um den morgigen Tag zu besprechen. Aber bis 6 bin ich wieder zurück.'
Ich war hier, um für europäische Teilnehmer Möglichkeiten, und Bedingungen für die Neujork - Messe festzulegen und zu koordinieren.
‚Das tut mir aber leid, Marc', sagte er lächelnd, ‚aber um 6 muss ich schon wieder weg. Wie wäre es mit morgen Nachmittag? 4 Uhr?'
‚Lieber später.' Das Marc ließ ich ihm durchgehen.
‚Auch recht, sagen wir 1/2 6?'
‚In Ordnung, bis morgen.'
Ich ging also zu meinem Termin, aß danach im Junk Food Restaurant freudlos und einsam Junk Food, spazierte noch etwas durch die Stadt und ging dann schlafen.
Am nächsten Tag stand ich sehr früh auf, besorgte mir die notwendigen Unterlagen und machte mich mit Begeisterung an die Arbeit. Ich freute mich auch auf den Barbesuch danach. Wenn man keine sozialen Kontakte hat, ist man über alle möglichen Kleinigkeiten froh.
Um 1/2 sechs war ich wieder im Hotel, aber kein John. Um 1/2 7 ging ich zur Rezeption hinunter, wo wieder der Langhaarige saß, diesmal mit einer Frau die wie seine oder jemand wie ihn's Mutter aussah, und fragte den Langhaarigen, der auch John hieß, nach John.
‚John'?
‚Der Typ, der mit mir gestern eingezogen ist.'
‚Der hieß nicht John, sondern Marc Tiholy.'
‚Hieß?'
‚Der ist gestern nacht erschossen worden.'
‚In seinem Zimmer hier im Hotek'? rief ich entsetzt.
‚Nein nein, irgendwo in der Bronx. Die Polizei war da, weil er einen Schlüssel vom Hotel dabei hatte, und hat seine Sachen mitgenommen. Sie sagen, er sei ein Krimineller gewesen. Mehr weiß ich auch nicht', fügte er rasch hinzu, um Fragen zuvorzukommen.
Ich fragte nicht, warum John - Marc einen Zimmerschlüssel gehabt hatte und ich nicht.
‚Oh dear', sagte die amerikanische Lady.
‚Da kann man auch nichts machen', sagte ich.
‚Nein, so ist Gottes Wille, wen er zu sich holen will', entgegnete sie. Ich hatte aber mehr an meinen geplanten Barbesuch gedacht. Ich ging trotzdem, in memoriam, unterhielt mich mit einer genblondierten Hausfrau in meinem Alter, die schon gut getrunken hatte, ging ebenfalls gut angetrunken allein gut gelaunt nach Hause und vergaß für die nächsten 6 Wochen John - Marc.

Die eingangs angedeuteten tragischen, oder eigentlich eher grauenvollen Ereignisse, in deren Verlauf ich gezwungen war, einen ganzen Tag mit Woody Allen in Neujork rumzuhatschen, setzten durch zwei praktisch zeitgleich ablaufende Handlungen ein. Ich saß in meinem Zimmer im Carlton Arms und frühstückte. Ich hatte mir angewöhnt, statt der Deli und Diner Besuche 2 Bagel, 2 Donut und eine Zeitung zu holen, unten im Laden direkt gegenüber. Kaffee gab es kostenlos an der Rezeption. Im Feuilleton stand nun, dass die Premiere des neuen Woody Allen Films verschoben worden war auf unbestimmte Zeit, weil irgendwelche Kopien davon mysteriöserweise nicht mehr auffindbar waren, bevor sie im Studio eingetroffen waren, oder sie waren während des Schneidens verlustig gegangen. Da fiel mir ohne Kausalität dazu mein Kaffe um und die braune Brühe tropfte auf den braunen Teppich. Die Flecken waren in dem fleckigen Teppich kein Problem, aber trotzdem wische ich mit Toilettenpapier auf. Dabei sah ich unter dem Schrank eine gelbe jcpenny - Plastiktüte. Ich holte sie heraus, und erinnerte mich sofort daran, dass John - Marc so eine bei sich hatte, als er eingezogen war. Ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass die Tüte 6 Wochen Zimmerservice unter dem Schrank unbeachtet überstanden hatte, schließlich wohnte ich hier weil es billig war, und nicht wegen Ausstattung und Service. Und die ungezwungene Atmosphäre gefiel mir.
In der Tüte waren 3 silberne Filmbüchsen, mit Aufklebern, auf denen stand
Am I crazy or is it my psychoanalysist?
A film by Woody Allen.
Ohne Kaffee schien mir mein Frühstück beendet. Ich nahm also die Tüte und ging runter zur Rezeption. Ich würde gerne mit Woody Allen telefonieren, sagte ich der älteren Dame, die in Vertretung des Langhaarigen immer in der früh hinter der Theke saß.
Sie schaute mich an, als sei ich nicht ganz dicht, sagte aber nichts, sondern führte ein paar Telefongespräche. Dann schob sie mir einen Zettel mit einer Telefonnummer hin.
‚Das ist seine persönliche Sekretärin. Wie sie zu ihm durchkommen, müssen sie selbst sehen.'
‚Die Nummer seiner Sekretärin ist völlig in Ordnung', erwiderte ich, ‚vielen Dank.'
‚Ob da jetzt allerdings schon jemand ist . . ? Um die Zeit?' Es war jemand da.
‚Büro von Woody Allen.'
‚Hören Sie, Miss . . .', sagte ich.
‚Bottleneck' sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung,
'Miss Bottlenek. . . '
‚Sagen Sie Rita' sagte Miss Bottleneck
‚Rita, ich habe soeben Ihre Filmrollen unter meinem Schrank gefunden. Was krieg ich dafür?'
10 Sekunden Stille.
‚Was für Filmrollen?'
‚Na die, die Ihnen abhanden gekommen sind. Ich habe es gerade heute morgen in der Zeitung gelesen.'
‚Sind sie verrückt?'
‚Nein, ich denke nicht. 3 Büchsen mit Aufklebern. Bin ich verrückt oder mein Psychoanalytiker? steht drauf.'
Rita überlegte. ‚Sie haben Sie vielleicht tatsächlich. Der Titel ist nicht an die Presse gegangen, der Arbeitstitel hat noch gelautet ‚Der Stadtneurotiker Hoch 2'. Statt Teil 2, verstehen Sie?'
Ich nickte, was Rita Bottleneck nicht sehen konnte.
‚Also, was wollen Sie? Geld?'
‚Um Gottes Willen, Miss Appleneck, Rita, was denken Sie von mir.'
‚Bottleneck. Ich heiße Rita Bottleneck. Aber Sie haben doch gesagt, was krieg ich dafür?'
‚Na, irgend eine Gegenleistung wird doch wohl drin sein. Zwei Ehrenkarten zur Oskarverleihung oder so. Nein warten Sie, die ist in LA. Aber so was vergleichbares in Neujork.'
Ich hatte nämlich in der Zwischenzeit eine Süße kennen gelernt. Und da ich bisher immer auf sie angewiesen war, um irgendwas festzulegen, wohin wir gehen konnten, was interessant war, weil ich mich in Neujork ja nicht auskannte, schien mir das die Gelegenheit zu sein, mich zu revanchieren.
‚In Neujork werden keine Oskars verteilt', sagte Rita.
‚Halt irgend etwas anderes festliches, schickes', entgegnete ich.
‚Wir lassen uns was einfallen', sagte sie. ‚Wo sind sie?'
‚Im Carlton Arms'. Rita schwieg, während sie vermutlich in ihrem PV Tab oder Smartphone das Carlton Arms suchte.
‚Carlton Arms Columbia Riverside Park oder Carlton Arms Gramercy'? fragte sie nach einer Weile.
‚Gramercy' antwortete ich. Und Rita teilte mir wortlos mit dass sie das nicht überraschte.
‚Wir kommen sofort', rief sie dann, ‚bleiben Sie wo sie sind.'
‚Ich muss jetzt aber zur Arbeit. Aber bis 6 bin ich wieder zurück.'
‚Wir beeilen uns.'
‚Tut mir leid', sagte ich. ‚Und lassen sie sich in der Zwischenzeit was schönes einfallen.'
‚Sie bleiben gefälligst, bis wir da sind.' Jetzt war sie ärgerlich.
Ich legte auf. Ich glaube nicht, dass mir Rita sonderlich sympathisch war. Ein bisschen besser wollte ich schon behandelt werden, wo ich doch ihren Scheißfilm gefunden hatte. Ich war deswegen schon reichlich spät dran und hatte noch nicht mal mehr Zeit, die Tüte wieder ins Zimmer zurückzutragen. Missmutig machte ich mich mit Plastiktüte in der Hand auf den Weg zur Messe und danach schaute ich bei meiner neuen Süßen Mary Joe Ann im Geschäft vorbei.
Als ich ins Hotel zurückkam, wartete schon die Polizei auf mich und sie lasen mir auch gleich meine Rechte vor, genau so wie man es im Fernsehen immer sehen konnte.
Jetzt war auch ich wirklich sauer.
‚Wo haben Sie die Filmrollen?'
Ich hatte die Rollen bei Mary Joe Ann im Geschäft vergessen.
Ich beschloss, mich dumm zu stellen.
Sie durchsuchten mein Zimmer und nahmen mich mit aufs Revier. Dort befragten sie mich über eine Stunde, während sie einen Suchtrupp in mein Büro losschickten.
Ich sagte, es müsse sich um einen Irrtum handeln, ich sei Messekoordinator aus München, jemand anderes müsse mich als unbedarften Ausländer vorgeschoben haben.
Da sie - verständlicherweise - im Büro auf dem Messegelände nichts fanden, und auch die Leute im Carlton Arms nicht derart waren, dass sie ein inniges Verhältnis zur Polizei hatten, ließen sie mich wieder laufen.
Ich ging schnurstracks zur die nächste Telefonzelle und rief Rita Appleneck an. Ich war geladen.
'Hi Rita' sagte ich
'Oh' sagte Rita.
'Die Übergabe findet morgen früh um 10 Uhr in der Halle vom Trupp Tower statt. An Herrn Allen persönlich. Er hat allein zu kommen und er soll sich was einfallen lassen, was er zu bieten hat. Der Preis ist mittlerweile gestiegen. Jetzt müssen mindestens 2 x 2 Karten für was wirklich Bedeutendes drin sein.'
'Ich glaube nicht, dass Mr. Allen so kurzfristig einen Termin wahrnehmen kann. Außerdem begibt sich Herr Allen nur in Ausnahmefällen innerhalb Manhattans außerhalb der Zone. Wie können wir Sie erreichen?'
‚Zone'? fragte ich
‚Upper East Side, grob gesagt.'
Ich wusste nicht, was ein Neujorker in dieser Situation sagen würde, außerdem musste ich erst mal darüber nachdenken, was mit innerhalb von außerhalb gemeint war. Also entschied ich mich für ein einfaches 'fuck you' und legte im 2. Gespräch mit Rita zum 2. Mal einfach auf. Sie würde dieses Problem mit ihrem Psychoanalytiker erläutern müssen.
Am nächsten Morgen ging ich bei Mary Joe Ann im Geschäft vorbei, gab ihr einen Kuss und holte meine Tüte ab. 'Was ist denn da drin', fragte sie. 'Nichts Wichtiges für die Menschheit', sagte ich wahrheitsgemäß.
Danach begab ich mich zum Trump Tower. Ich war extra etwas früh dran, um zu sehen, ob Woody auch alleine käme. Überall in der kitschigen, mit zu viel Messing und Marmor ausgestatteten Halle waren noch die Handwerker mit Wartungsarbeiten und Reinigungsarbeiten beschäftigt.
Ich setzte mich in die Cafeteria, die gerade aufmachte, und trank einen passablen Espresso.
Punkt 10 Uhr kam Woody zur Türe herein. Er trug einen braunen Tweedanzug und ein rotkariertes Hemd und sah wahrscheinlich genau so aus wie im Kino, was ich aber nur vermuten konnte, weil ich noch nie einen Film von ihm gesehen hatte. Ich stand auf und ging auf ihn zu, aber ein jüngerer blonder Mann mit offenen Hawaiihemd kam mir zuvor und sprach ihn an. Sofort verließen alle Putzer und Monteure blitzartig ihren Arbeitsplatz und umringten die beiden, so dass ich kaum zu ihm vordringen konnte.
Ich wollte doch nur ein Autogramm, hörte ich den Blonden immer wieder sagen, als er mit auf dem Rücken gefesselten Händen abgeführt wurde, die Monteure und Gebäudereiniger teils voraus, teils hinterher.
'Was ist denn hier los', fragte ich Woody, der kopfschüttelnd dem Tross nachsah.
'Eine üble Geschichte', sagte er, 'Erpressung, Mord und Vergewaltigung'. Er schüttelte angewidert den Kopf und steuerte an mir vorbei die Toilette an. Die Toiletten sind sehr vornehm im Trupp Tower. Ein schicker Toilettenboy reicht den Ankommenden Papier und einen kleinen Spritzer Parfüm. Er bekommt dafür durchschnittlich einen Vierteldollar. Das macht bei 10 Personen pro Minute einen Stundenlohn von 125 Dollar. Ich überlegte, ob ich den Job wechseln sollte. Zuerst aber ging ich Woody nach und stellte mich an die Urinale neben ihn.
'Wir wollten uns doch über Ihren verschwundenen Film unterhalten', sagte ich.
Woody schaute mich erschrocken an und knöpfte sich schnell die Hose wieder zu. 'Sie sind das? Sie sind das!' Er schrie im Falsett.
'Beruhigen Sie sich. Niemand will sie ermorden, erpressen oder vergewaltigen'.
'Nein?' fragte er ungläubig. 'Rita hatte so etwas angedeutet. '
Er dachte nach. 'Neujorker Autor und Regisseur in Kriminalfall verwickelt. Klingt eigentlich ganz gut', meinte er dann. ‚Da darf aber kein Risiko für mich dabei sein!' Er schaute mich misstrauisch an.
'Die Geschichte ist weder originell noch originär', meinte ich.
'Manhattan Murder Mystery Teil 2'
'Hoch 2 ' schlug ich vor.
Er schaute mich verständnislos an. 'Haben Sie den Film überhaupt gesehen?'
'Eigentlich nicht', sagte ich bedauernd.
'Welcher von meinen Filmen gefällt Ihnen am Besten?'
‚Trinken wir doch einen Kaffee', wich ich aus. ‚Wir können uns dann draußen weiter unterhalten.' Woody war einverstanden.
Wir verließen also die Toilette und gingen zurück in die Cafeteria.
‚Ich bin Woody Allen', stellte er sich vor, bevor wir uns setzten, und reichte mir etwas, das im ersten Moment ein toter Fisch zu sein schien, sich aber, als ich einen kurzen Blick drauf warf, sich als seine Hand herausstellte.
'Nun, was haben Sie zu bieten für Ihre Filmrollen?' Mir schien es angebracht, wieder zum Thema zurückzufinden.
'Wissen Sie überhaupt, was es heißt, sein ganzes Leben mit Psychoanalytikern zu verbringen'? fragte er. ‚Als Kind zunächst nur einmal die Woche, dann als Jugendlicher schon 3x, nach der Schule, und später dann täglich, zuerst 1 Stunde, dann bis zu 8, was sag ich, 10, 12 Stunden.'
'Nein', sagte ich, ‚das weiß ich nicht.'
‚Nun, ich auch nicht', meinte er, ‚aber es soll solche Leute geben. Die können dann nicht mehr in Urlaub fahren, aus Angst, eine Sitzung zu verpassen. Schlimm.'
Er stand auf. ‚Ich muss noch zu meinem Schneider', sagte er.
‚Wir haben doch noch nichts bestellt', wagte ich einzuwenden.
‚Ach was', meinte er unwirsch. ‚Kommen Sie mit?'
‚Ihre Filmrollen. . . meine Einladungen.. . Oder eine kleine Rolle für meine Freundin? Das wäre es doch.' Ich war begeistert. Sie würde staunen und sich sicher sehr erkenntlich zeigen.
‚Später', sagte er und steuerte auf ein freies Taxi zu. ‚Kommen Sie schnell, sonst warten wir eine Stunde auf das Nächste.'
Wir fuhren los.
‚Wohin fahren wir denn?'
‚Na, in die Upper East Side, natürlich. Lexington Ave.'
Während der Fahrt brabbelte er unentwegt weiter. Woody dies und Woody das.
‚Das ist Sam Leuny Tailoring LLC' sagte er und deutete auf einen unbeschrifteten Eingang. Wir stiegen aus und gingen hinüber.
Der Anzug war der genaue Zwilling des Tweedanzuges, den er trug.
‚Wie lange dauert das denn noch. ich habe Hunger', quengelte ich.
‚Kaufen Sie doch ein paar bagels mit Mohn', sagte er zu mir.
‚Wir könnten ins primetime zum Lunch gehen. Ich lade Sie ein, und dann reden wir über die Filmrollen' schlug ich vor und zeigte auf die schon reichlich lädierte Tüte in meiner Hand. Seit 2 Tagen lief ich nun schon mit einer alten Plastiktüte durch Neujork, nur mit dem Trost, dass mich keiner meiner Bekannten sah.
‚Fantastisch', rief er. Der Schneider bezog das Kompliment auf sich, sah sich den schokoladenfarbenen Stoff an und runzelte die Stirn.
Bis er mit der Anprobe fertig war, rief ich Mary Joe Ann an und fragte sie, ob sie nicht Lust zum Lunch mit Woody Allen hätte. Sie meinte, sie wolle mir den Gefallen tun und kommen.
Nach weiteren 30 Minuten war es dann endlich soweit. Woody bestand darauf, den neuen Anzug gleich anzubehalten und ließ sich den alten Anzug in eine leere Aktentasche packen und wir hetzten im Strom der Neujorker ins Restaurant.
Mary Joe Ann war schon da und trank ihren 3. Aperitif, ohne deshalb bereits besonders lustig zu wirken.
Woody sagte zu ihr, dass wir einen sehr netten Vormittag bei seinem Schneider verbracht hätten, und dass ich erfreulicherweise ihm überhaupt nicht meine Meinung über seine Filme aufgedrängt hätte.
‚Ja so ist er', sagte sie etwas zu betont lebhaft. ‚Dabei ist er so ein Fan von Ihnen!'
In Wahrheit hatte ich nur einmal ein Buch von Woody Allan gelesen mit dem blöden Titel Ohne Leit kein Freud, auf englisch, lt. Klappentext amerikanisch, genauso saudumm without feathers; in dem Klappentext hieß es dann weiter, 'Wer hätte gedacht, dass WA auch ein begnadeter Schriftsteller ist? Grotesken, die fast besser sind als seine Filme. . .' wobei sich beim Lesen jedoch herausstellte, dass das einzig groteske an dem Buch der Klappentext war, und ich hatte auf den Besuch der Filme verzichtet, daher trat ich Mary Joe Ann untern Tisch gegen das Schienbein.
Während dem Essen erzählte Woody Mary Joe Ann dann von verschiedenen Hautausschlägen und Wurmkrankheiten.
‚Ich werde hier gequält und gefoltert. Leb wohl und lass dich nicht mehr blicken' sagte sie zu mir, als sie aufgegessen hatte und rauschte davon. Ich ging ihr nach. und hielt sie am Arm.
'Sei doch nicht so', sagte ich.
'So ein Arschloch' sagte sie.
'Natürlich', sagte ich, ‚aber deswegen ist er doch kein schlechterer Mensch'.
Mary Joe Ann riss sich los und rannte davon. Es hätte ein netter Lunch werden können,
‚Ich wollte mich nicht wie ein Tier benehmen', sagte Woody. ‚Ich bin wirklich einer der nettesten Menschen, die ich kenne'! rief er verzweifelt.
‚Bevor Sie jetzt heimgehen und sich umbringen, vergessen Sie die Tüte mit Ihrem Film nicht', rief ich dazwischen. Ich streckte sie ihm entgegen. ‚Kostenlos'! flehte ich, ‚nehmen Sie sie.'
Er nahm sie nicht. ‚Ach was', sagte er schüchtern lächelnd. ‚Ich muss jetzt aber auf die Messe' sagte ich, stand auf und gib zur Kasse, Woody hinterher. Die Tüte ließ ich unter dem Tisch stehen.
Woody hatte nicht vergessen, dass ich gesagt hatte, ich würde bezahlen. Die 3 Essen kosteten 123 Dollar. Kellner eines Lokals, in dem 3 Essen $ 123 kosten, sind aufmerksam, was man eigentlich auch erwarten konnte, und so trug er uns die Tüte nach.
Auf der Fahrt mit der U-Bahn erzählte er von antiken Schriftrollen die ein Hirte angeblich in einer Höhle am Golf von Akaba gefunden hätte, deren Echtheit aber in Zweifel gezogen worden war, weil im Text mehrfach das Wort Volkswagen vorgekommen sei. Er zitierte dann aus den Rollen. Ich hörte nicht genau hin, weil in Gedanken bei Mary Joe Ann, bin mir aber sicher, dass 'Volkswagen' gar nicht vorkam.
Als wir ausstiegen kam auch gleich ein etwas abgerissener Rentner auf uns zu und zeigte uns seinen Revolver. Ich streckte ihm sofort meine Plastiktüte entgegen, aber der Idiot entriss zielstrebig Woody Allen die Aktentasche mit dem alten schokoladenbraunen Tweedanzug und rannte davon, so gut es eben noch ging. Seufzend setzten wir unseren Weg fort.
Die Messe war dann für Woody ein einziger Reinfall.
‚Wissen Sie, wir könnten mit der Cyclone Achterbahn auf Coney Island fahren, Stätte meiner Kindheitsalpträume . . ‚'
‚Oh', unterbrach er sich dann aber und sah besorgt in die Menge. Vielleicht hatte er jemanden entdeckt, dem er nicht begegnen wollte, vielleicht auch nicht.
‚Ich muss gehen, es war nett. sie kennen gelernt zu haben. Einen schönen Tag noch. Wir sehen uns. Ich ruf sie an. Passen sie auf sich auf. Viel Glück' rasselte er herunter. Möglicherweise hatte er dabei einen hinterhältigen Gesichtsausdruck.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und hob zaghaft die rechte Hand, da war er auch schon durch den Notausgang verschwunden.
Nach einer Weile merkte ich, dass die eine Hand immer noch in die Luft zeigte, während an der anderen Hand eine gelbe Tüte mit dem Aufdruck jcpenny hing.
Ich nahm die rechte Hand runter und stellte die Tüte von der linken Hand in den nächsten Abfallkorb. Dann setzte ich mich auf die Bank daneben und saß da, während um mich herum die Neujorker von nirgendwo nach nirgendwo hetzten. Im Laufe der Zeit wurden es immer weniger, und der Strom der Menschen kam allmählich zum Versiegen. Dann kam ein Elektrokarren von der Müllabfuhr, in dessen Bauch 2 Hispanics die Abfalleimer leerten, und ich stand auf und ging zurück ins Hotel.
Zu Hause in München überlegte ich immer wieder, wie ich der Welt zu verstehen geben konnte, dass ich, ja ich selbst persönlich, sie vor einem weiteren Woody Allan Machwerk bewahrt hatte, das außer einigen Filmkritern, WOP Kistner und ein paar hunderttausend verblendeter, von den Kritikern verführten Neurotikern niemand hätte sehen wollen, ohne mich lächerlich zu machen.
3 Monate später rief Rita Bottleneck an. Sie war sehr nett am Telefon und sagte, Woody hätte eine Karte für mich hinterlegt für die Premiere für seinen Film
Nicht Du bist verrückt, sondern Dein Psychoanalytiker.
Es wäre allerdings nur eine Karte, aber sie werde auch da sein, es wäre der Sitz neben ihr.
Ich sagte natürlich sofort zu.

New York, im September 2002