< KAMINZIMMER

Nachtragsangebot 2

Noch immer halten ‚die Menschen draußen' Architektur für eine kr¬eative Angelegenheit.
‚Sie sind doch auch ein Künstler' sagen sie zu einem, wenn sie erfahren, dass man Architekt ist.
Das ist dann oft recht lustig, auf die tragikkomische Art.

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Brandschutz vs. Kunst auf der Biennale in Venedig

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Bei öffentlichen Maßnahmen ist für die Baureinigung die sogenannte Vergabestelle zuständig, Vergabe als Hauptwort für das Vergeben von Leistungen, nicht für das Vergeben von Unzulänglichkeiten des Architekten, dafür wäre das Hauptwort dann auch nicht Vergabe-, sondern Vergebungsstelle.
Der Architekt ist der natürliche Feind der Vergabestelle. Er ist verantwortlich für all den Schmutz und Staub, der auf Baustellen anfällt und damit für die daraus entstehenden Sorgen der Vergabestelle, nicht zuletzt deshalb, weil er darauf besteht, dass zuerst er die Maßnahme ausführt und erst danach gereinigt wird und nicht umgekehrt. Die Vergabestelle sieht das anders, kann sich aber nicht durchsetzen und ist in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt.
Selbst wenn man seinen besten Anzug anzieht, wenn die Vergabestelle auf der Baustelle erwartet wird, um zu signalisieren, ‚sehen Sie, so schmutzig kann es doch gar nicht sein', es nützt nichts.
Zu allem Überfluss verstehen Architekten auch nicht viel von wissenschaftlicher Sauberkeit und bauen aus rein ästhetischen Gründen rotes Linoleum ein.
‚Sie haben ohne Rücksprache mit uns rotes Linoleum eingebaut!'
‚Wir fanden, dass das besonders gut zu den gelben Garderoben passt', entgegnen wir dann zerknirscht.
‚Wissen Sie denn nicht, dass rotes Linoleum besonders schmutzempfindlich ist!'
Wir geben zu, das wussten wir nicht.
Selbstverständlich finden diese Gespräche immer im Beisein des Auftraggebers statt, der damit ebenfalls kritisiert wird, einen Architekten beauftragt zu haben, der nicht weiß, dass rotes Linoleum besonders schmutzempfindlich ist, obwohl es allgemein bekannt ist, dass rotes Linoleum besonders schmutzempfindlich ist.

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Die Optik von Behörden und Verwaltungen hat sich in den letzten Jahrzehnten entschieden verbessert. Saßen früher unverschämte muffige graue Beamten selbst bei 30 Grand im Schatten in Anzug und Krawatte in verrauchten unklimatisierten muffigen Büros mit trüben Fensterscheiben, die über verrauchte streng riechende Korridore ohne Fenster zu erreichen waren, mit Möbeln, die vor dem Krieg vom Amt zum Mütter- und Kinderkriegshilfswerk gelangt waren und nach dem Krieg wieder zurück ins Amt, so trifft man nun auf gutgelaunte langhaarige Nichtraucher in freundlicher lichtdurchfluteter Stahl-Glasarchitektur auf Designerstühlen an Designertischen mit Flachbildmonitoren vor Designerschränken. Nur die verstaubten Blumentöpfe sind noch alle da, mit dummen Topfpflanzen darin, weil Pflanzen ihr Gehirn in den Wurzelspitzen haben, die ihnen aber abgeschnitten werden, damit sie besser in den Topf passen. Die Pflanzen werden dann auch dementsprechend respektlos behandelt, ‚die dummen Dinger'. Ebenfalls noch da ist die Absurdität des Behördendaseins, die Bearbeitung von Aktennotizen, Ablagen, Bewilligungsbescheide, Ablehnbescheide, Beglaubigungen, Abmahnungen, Protokolle, Freigaben, Anträge, Kostenanschläge, bis sie vor Langeweile sterben.

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Es gibt den öffentlichen Raum und den privaten, und den für schmutzige stinkende Schuhe, das Treppenhaus im Geschoßwohnungsbau.

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Sehr geehrte Frau Huber,
wie wir bereits seit 26 Jahren wissen, seit einmal eine Dame, Ihnen nicht unähnlich, unseren damals noch architekturstudentischen Rat hinsichtlich ihres Dachgeschossausbaus einholte und dabei auch fragte, ob die Stütze mitten in ihrem zukünftigen Wohnzimmer, die sich doch störend auf Möblierung und Wohlbefinden auswirken würde, nicht entfernt werden könnte, was wir aber nicht beurteilen konnten und ihr rieten, doch einen Statiker zu befragen, woraufhin sie nun 3 Stützen in ihrem Wohnzimmer stehen hat, wie wir also wissen ist der Besuch eines Statikers kaum hilfreich hinsichtlich einer zügigen Erfüllung langgehegter Wünsche, so auch dessen Besuch bei Ihnen letzte Woche, weswegen wir die nun geäußerten Bedenken des Herrn Statikers über ihr Vorhaben mit Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl dringend durchsprechen müssten.
Mit freundlichen Grüßen!

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Viel Zeit bei der Bauleitung vergeht beim Zuschauen: Dem Bagger, wie er baggert.

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Wir sprechen auf den Baustellen deutsch, immer in der Hoffnung, dass uns jemand versteht.
Viele ausländische Arbeitskräfte sind auf den Baustellen anzutreffen, oft sind es auf Nachfrage dann Bulgaren. Es sind finster aussehende, aber freundliche Menschen, die, wenn es sein muss, auch nachts arbeiten und wenn es nicht sein muss auch. Gelegentlich sprechen sie etwas deutsch, nur deutsch lesen können sie nicht, keine Protokolle, Listen oder Ausschreibungstexte mit detaillierten Maßnahmenbeschreibungen und auch nicht die Bildzeitung. Sie deuten auf ein Foto von zwei friedlich äsenden Hirschen und fragen sich, warum hier zwei friedlich äsende Hirsche abgebildet sind, weil sie die Schlagzeile nicht lesen können, dass es sich hierbei um zwei Killerhirsche handelt, kurz vor oder kurz nach einem Angriff.
'Nix verstehe dies Bucke-Stabe' sagen sie dann.
Wir erklären ihnen, dass das gar nicht schwer ist, dass man beim Lesen nur bedenken muss, dass es 'bei uns' keine komischen Extrabuchstaben für zh, ts, ch, sh, sht, yu und ya gibt, dafür aber im Gegensatz zu ‚ihnen' die gutaussehenden Buchstaben c, q, v, w und x. Das heißt, x gibt es bei ihnen schon, aber das bedeutet h. Klein g bedeutet d, h ist n, p ist r, c ist s, c + g ist der selbe Buchstabe und schaut aus wie ein komisches r. Aber sie sollen sich nicht fürchten, a, o, s, und t schreibt man hier wie da a, o, s und t, alles halb so wild.
‚Geben alles zu Scheff', sagen sie daraufhin gut gelaunt, ‚kommte morgen'.
Die Bauarbeiter, die einen gut verstehen, selber aber nur ‚haun haun' sagen, die sind aus Niederbayern.

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Vor Weihnachten stehen wir immer fassungslos vor den von den Firmen eingegangenen Weihnachtsgeschenken. Es handelt sich dabei stets um Dinge, die entweder schon von haus aus schon nicht zu gebrauchen sind oder die durch lustige Firmenaufdrucke unbrauchbar gemacht wurden, und außerdem noch um dubiose Leckereien ohne Angaben zu Inhalt und Haltbarkeit, die nicht immer den EU Richtlinien entsprechen.
Wie wir bereits vom Heiligen Martin wissen, verfolgt der Schenkende mit seinem Geschenk einen bestimmten Zweck, nämlich von diesem Besitz zu ergreifen. Der Beschenkte wird somit besessen. Niemals aber ist so etwas dabei, das es wert wäre, zurückgeschickt zu werden, weil ansonsten die Gefahr einer Abhängigkeit bestünde.
Ein Dauerbrenner unter den eingehenden Geschenken sind Kalender mit Fotos. Fotos des Atomiums aus Brüssel, Fotos mit Blick auf den Lage Maggiore und Fotos von saftigen Bergwiesen bei Obersdorf. Wenn es irgendwo auf der Welt ein Ranking der bescheuertsten Fotomotive gibt, sind Atomium und Bergwiese sicher ganz oben mit dabei, dazwischen höchstens noch das Foto einer staubsaugenden Hausfrau von 1972 im Kalender von einer Firma für Industriestaubsauger.
Der ganze Tand wird dann am letzten Arbeitstag vor Weihnachten bei uns im Büro an alle verteilt.
Bei der Geschenkeverteilung letztes Jahr ging der Sahnelikör Marc de Champagne gleich weg, an Frau Grausch, was den Verdacht aufkommen ließ, dass diese an Damenkränzchen mit Rommé und Canasta teilnimmt, weil ein anderer Verwendungszweck außer für romméspielende Damen, die gut drauf sind, nicht vorstellbar ist, was Frau Grausch zwar nicht bestätigte, aber auch nicht dementierte.
Die älteren Mitarbeiter nahmen wie üblich den Wein von unbekannten Weingütern, um zu zeigen, dass sie in Wirklichkeit Weinkenner sind.
Frau Rael entschied sich für eine neutrale Holzkiste, bei der sich aber hinterher, also, als sie sie schon gewählt hatte und nicht mehr zurückgeben konnte - das ist verboten - herausgestellt hat, dass sie mit Schnapspralinen der Marke Asbach Uralt gefüllt war. Frau Rael kann, wie vermutlich fast der ganze Rest der 6 Milliarden Menschen auch, Schnapspralinen nicht leiden und erst recht nicht solche die mit Asbach Uralt gefüllt sind, die Älteren unter uns wissen dazu noch, dass in Asbach Uralt der Geist des Weines sitzt. Sie beschloss daher, diese auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn zu verteilen.
Wir prophezeiten ihr rasenden Absatz, da die Fahrgäste selbstverständlich annehmen würden, es handele sich um eine vorweihnachtliche TV-Sendung mit dem Titel ‚Der Engel aus der U-Bahn', aufgenommen mit versteckter Kamera, oder die Aktion würde zumindest am nächsten Tag mit Foto der Beschenkten in einer Zeitung erscheinen, wo sich doch alle Zeitungen zu Weihnachten auf Gute Menschen stürzen, um diese als leuchtendes Beispiel dem Leser unterzuschieben, und dies zur Not auch selber inszenieren. Und wie man weiß, gibt es für U-Bahnfahrgäste kein größeres Vergnügen, als ihre Visage in irgendeine Kamera halten zu dürfen. Frau Rael sah das auch gleich ein, wollte aber beim Verteilen dazusagen, dass sie gar kein guter Mensch sei, dass keine Kamera in der Nähe wäre und dass sie die Schnapspralinen ausschließlich aus dem einzigen Grund verteile, weil sie selber Schnapspralinen nicht leiden kann, auch auf die Gefahr hin, dass die U-Bahnfahrgäste daraufhin das Interesse verlieren, und sie sie dann letzten Endes doch noch selber irgendwie entsorgen muss, später am Abend vor dem Fernseher.
Die Kalender bleiben immer liegen, die werden später von der staubsaugenden Putzfrau entsorgt.

Im Fernsehen habe ich vor kurzem einen Bericht gesehen von einem Ärztekongress in einem Nobelhotel in Chicago, veranstaltet von Pfitzer, das ist der Pharmakonzern, der Viagra herstellt. Dabei wurden einige Vorträge darüber gehalten, dass Ärzte schon wegen ihres Eides des Hippokrates die Pflicht hätten, Männer spätestens ab 40 darauf aufmerksam zu machen, dass ohne Viagra das Leben kaum mehr lebenswert sei und ihnen deshalb stets Viagra verschreiben sollten, zusätzlich zu den Medikamenten für ihr tatsächliches Leiden. Da nickten die Ärzte begeistert und klatschten wie verrückt, das konnten sie schon deshalb voll und ganz bestätigen, weil Viagra in Person von Pfitzer ihnen und ihrer Begleitung ein paar lebenswerte Tage verschafft hatten, Flug, Hotel, Essen, alles kostenlos. Warum aber werden Architekten nie korrumpiert, zum Beispiel mit Einladungen zu Trockenbaukongressen, Flug, Hotel, Essen, alles umsonst, mitsamt Begleitung ohne Nachweis des Trauscheins, sondern immer nur Urologen oder Kieferorthopäden? Die Trockenbauindustrie könnte dort doch mit guten Argumenten, die man vorher noch gar nicht kannte, und die der Architekt dann an den Bauherren weitergeben könnte, aufzeigen, wo noch überall Gipskarton eingesetzt werden könnte, um das Leben der Bauherrn lebenswerter zu machen. Nur als Beispiel.
So aber können wir Architekten nur davon träumen, in standardisierten Kettenhotels mit standardisiertem Essen zusammen mit anderen Architekten, die ebenfalls keine geeignete Sekretärin zu Hand hatten, in einer Hotelbar in Chicago, oder von mir aus gerne auch in Modena, Everton, Lyon, Paderborn, Bielefeld oder Hannover rumzusitzen und sich auf Kosten der Baustoffindustrie volllaufen zu lassen.

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Viele Architekten hören am liebsten klassische Musik, etliche, und nicht nur die Jungen unter den Architekten, hören auch das, was man 'Neue Musik' nennt und bei fm4 oder im Zündfunk gespielt wird, acidhouse, hardcorereggae, dubstep, noisecore und so. Trotzdem kennen sich Architekten wegen der vielen Baustellenbesuche ebenfalls gut mit der Hitparade aus, Shakira, Grönemayer, PUR oder Silbermond sind beileibe keine Fremdwörter für sie. Mit Befremden müssen sie sich oftmals anhören, wie Christina Aguilera lustig trällert, während es auf der Baustelle aussieht wie Deutschland 1945 und es angebrachter wäre, Zarah Leander sänge ‚Es wird einmal ein Wunder geschehen' oder ‚Davon geht die Welt nicht unter'.
‚Cool', rufen unsere neuen Mitarbeiter immer aus, wenn sie zum ersten Mal die Ghettoblaster sehen, die eingestaubt aus den Ecken der halbfertigen Räume rausgröhlen. Ipod mit Kopfhörern aber, wie sie in den U-Bahnen benutzt werden, gibt es auf Baustellen nicht. Baustellen sind die letzten Orte der Welt, auf denen man noch die Ghettoblaster aus den 80er Jahren finden kann, und immer in Betrieb, Radio Charivari, Bayern 3, Radio Today. Sender, deren Programmformat nach eigener Aussage AC, Adult Contemporary ist, also Zielgruppe 20 – 50 Jahre, wofür sich aber anscheinend Moderation und Musik im IC, Infantil Contemporary, gemischt mit RC, Rentner Contemporary, also Phil Collins und Freunde, am besten eignet.
Weniger selbstbewusste Architekten könnten nun auf den Gedanken kommen, das sei eine konzertierte Aktion der Bauarbeiter aus allen Gewerken, quasi um Architekten zu quälen, aber das ist eher unwahrscheinlich.

Ambos + Weidenhammer, Dezember 2012