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Nachtragsangebot

Augen auf bei der Berufswahl!
Manchmal stimmt einen der Alltag des Architekten auch hoffnungsvoll, heute hat der Baumeister im Sekretariat einer Schule statt des rechten den linken Einbauschrank rausgerissen und alle waren so froh darüber, dass er Baumeister und kein Chirurg geworden ist, sogar der Bauunternehmer selber, und die Sekretärin doppelt, weil sie jetzt einen neuen Schrank bekommt.

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Der Umgang mit Baufirmen ist eine gute Vorbereitung für den nächsten Asien-Urlaub. Baufirmen sind ebenso unergründlich wie Asiaten. Baufirmen achten stets darauf, ihr Gegenüber nicht zu brüskieren; sie werden daher nie mit einem klaren ‚Nein’ antworten, um keine negativen Schwingungen hervorzurufen. Sie sagen gerne und oft ‚Im Prinzip’, um zu umschreiben, dass sie nicht im Traum daran denken. ‚Im Prinzip nächste Woche’ heißt daher ‚Nächste Woche auf keinen Fall’.
Wenn jemand etwas nicht weiß, wird er das nicht zugeben, um nicht das Gesicht zu verlieren und wird antworten ‚Ganz sicher vielleicht’.
Jetzt wäre ich bereit für einen Besuch beim japanischen Kirschblütenfest.

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Auch Handwerker lesen Zeitung und bilden sich weiter.
Am selben Tag, an dem in der Süddeutschen gestanden hat, dass es bei bis zu 20% der an Masern erkrankten zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen kann hat der Chef beim Vergabegespräch schriftlich zugesichert, dass während der gesamten Bauzeit ständig bis zu 8 Trockenbauer auf der Baustelle sein werden.

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Nachtragsangebot

Als dann das 2. Kind erwartet wurde baute mein Mann noch schnell ein Kinderzimmer  an.

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Der Mangel auf dem Wohnungsmarkt führt dazu, dass Leute Wohnungen mit zur Straße hinaus gelegenen vollverglasten Wintergärten anmieten, die aber, weil ohne Verbindung zum festen Boden unter den Füßen, eher Winterbalkon heißen müssten, und dass diese Neumieter dann weder etwas anfangen können mit den Glaskisten, die ja nur eine geschlossene Wand haben, noch sich bewusst sind, dass die Öffentlichkeit diese Tatsache mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen muss, will sie nicht immer beim Vorbeigehen demonstrativ wegsehen. Als es noch keine kleinen Kameras gab, mit denen heute überall, vornehmlich in Mägen und für die Bildzeitung, rumgefilmt wird, wurden Berichte von Mäusekinderstuben durch eine Glasscheibe gefilmt. Und genau so präsentieren sich die Winterbalkonbesitzer, nur dass diese in der Regel keinen Nachwuchs darin aufziehen, sondern dort ihren Rumpelmüll lagern.
Warum gibt es eigentlich keine Vollverglasungswinterbalkoneignungstests vor der Unterschrift unter den Mietvertrag?

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Als ich einmal Chefarchitekt in einem kleineren Architekturbüro war, fragten wir uns oft, warum im Fernsehen keine Architekten-Sitcoms gesendet wurden, wohl aber Sitcoms über Rechtsanwälte, Verkäuferinnen, Ärzte, wie auch Sitcoms über Schwule und Sitcoms über Sitcoms und stellten verwundert fest, dass es anscheinend in Rechtsanwaltskanzleien, bei Psychologen, in Krankenhäuser, in Kaufhäusern, ja sogar in Gefängnissen lustiger zugeht als in Architekturbüros. Wir vermuteten, dass die Stimmung in den verschiedenen Berufen ganz entscheidend von den darüber gesendeten Sitcoms geprägt wird.  Als es daher vor Weihnachten etwas ruhiger wurde, begannen wir mit der Entwicklung einer Sitcom im Architekturbüro.
Sofort kam der Vorschlag, Frau März die Rolle des automatischen Obentürschließers zuzuweisen. Dies wurde, außer bei Frau März, mit großer Begeisterung aufgenommen, aber auch mit Skepsis, ob der gemeine Fernsehzuschauer denn überhaupt wisse, etwa aus Baumarktsbesuchen, was ein automatischer Obertürschließer sei und ob das also nicht eher ein Insiderwitz wäre. Daraufhin schlug Frau Strobel vor, den Hund des Chefarchitekten mit türkischem Honig zu füttern, woraufhin diesem das Maul verklebt wäre und er in Trance verfallen würde. Sie würde dann den Hund auf den Armen ins Büro des Chefarchitekten tragen und versichern, es sei ein besonders netter Hund gewesen, nach einigen Minuten sich der türkische Honig aber wieder aufgelöst haben würde und der Hund wieder ganz normal rumspringen. Das fanden wieder alle lustig, nur ich nicht, ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie Frau Strobel mit meinem Hund im Arm in der Türe gestanden hatte und versichert hatte, wie fröhlich der Hund doch zu Lebzeiten gewesen sei, und wie begierig er den türkischen Honig gefressen hatte.
Es wurde hier noch eingewandt, dass sich dies auch in einer Rechtsanwaltskanzlei ereignen könnte, also keineswegs architekten-spezifisch sei. Wichtig sei doch, die besondere Lustigkeit der Architekten hervorzuheben. Alle schauten betreten. Dann machte der langhaarige Praktikant den Vorschlag, dass es für eine Sitcom höchst zeitgemäß wäre, wenn er die Rolle des Chefarchitekten übernähme. Da brach ich das Projekt ab, und bis heute gibt es keine Architekten-Sitcom, wobei durchaus zu vermuten ist, dass sich auch andere Büros daran versucht haben, aber ebenfalls gescheitert und daher noch immer missmutig sind.

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Zu dem Architektenwettbewerb Docu Center Ramstein, der EU weit ausgeschrieben worden war, sind 15 Büros zugelassen worden. Der Bürgermeister begrüßt die teilnehmenden Architekten. Architekten sind ein immer wieder erstaunlich unspektakulär auftretender Personenkreis, der sich von anderen akademischen Personenkreisen bei einer offiziellen beruflichen Veranstaltung auch dadurch unterscheidet, dass er etwas legerer gekleidet ist und sich etwas legerer gibt. Manager, Psychologen oder Ingenieure würden denken, so wie sie selber, nur halt im Urlaub, und auch nicht ganz so dunkelfarbig, obwohl, kaum mehr wie Beerdigung, schwarze Rollkragenpullover haben jetzt wohl eher die Kreativen.
Während des Kolloquiums werden die üblichen Fragen gestellt. Es handelt sich immer und ausnahmslos um Fragen, die entweder bereits im Auslobungstext hinreichend beantwortet sind, oder die für die Bearbeitung der Aufgabe völlig irrelevant sind.
Nach den unnötigen Fragen fangen die Architekten dann, auch wie immer, an, mit den Preisrichtern über die geforderten Leistungen und die zur Verfügung gestellten Unterlagen zu streiten. Ganz schlecht. Ein Kolloquium muss man sich vorstellen wie eine Zen Zeremonie, die Fach- und Sachpreisrichter sind die Meister, und niemals darf man sie in Frage stellen, so begründet es auch sein mag.

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Sanieren ist besser als Neubau und kostet nicht mal das Doppelte

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Am letzten Arbeitstag vor Weihnachten werden bei uns im Büro immer die von den Firmen eingegangenen Weihnachtsgeschenke verteilt. Es handelt sich meist um lauter Sachen, die entweder schon von Haus aus nicht zu gebrauchen waren oder die durch lustige Firmenaufdrucke unbrauchbar gemacht worden sind, und außerdem noch um dubiose Leckereien, die nicht immer den EU Richtlinien entsprechen.
Ein Dauerbrenner unter den eingehenden Geschenken sind auch Kalender mit Fotos des Atomiums aus Brüssel, Blick auf den Lage Maggiore und von saftigen Bergwiesen bei Obersdorf. Manchmal auch noch die Krachten von Amsterdam. Wenn es irgendwo auf der Welt ein Ranking der bescheuertsten Fotomotive gibt, sind Atomium und Bergwiese sicher ganz oben mit dabei, dazwischen höchstens noch das Foto einer staubsaugenden Hausfrau von 1972.
Die Kalender bleiben denn auch immer liegen und werden später von der staubsaugenden Putzfrau entsorgt.
Am Besten geht immer noch das dubiose Essbare weg, Leberpastete unbestimmter Herkunft und ohne Angaben zu Inhalt und Haltbarkeit, Lebkuchenbruch, Schnaps. der in den USA als white lightning bezeichnet werden würde, und so weiter.
Bei der Geschenkeverteilung letztes Jahr ging auch der Sahnelikör Marc de Champagne gleich weg, an Frau Rasch, was den Verdacht aufkommen ließ, dass diese an Damenkränzchen mit Rommé teilnimmt, weil ein anderer Verwendungszweck außer für romméspielende Damen, die gut drauf sind, nicht vorstellbar ist, was Frau Rasch zwar nicht bestätigte, aber auch nicht dementierte.
Die älteren Mitarbeiter nahmen wie üblich den Wein, weil sie nämlich Weinkenner sind.
Der Praktikant wies mitten in der Verteilung erbost darauf hin, dass die Veranstaltung doch nur deshalb inszeniert wird, um die Leute davon abzuhalten, bereits 3 Tage vor Weihnachten Grippe zu kriegen, was ihm aber erst eingefallen war, als ihm von Herrn Rösner die LED Lampe, das einig brauchbare Firmengeschenk in diesem Jahr, vor der Nase weg geschnappt wurde.
Außerdem stimmt das so auch gar nicht, die Verteilung der Geschenke ist auch deshalb recht beliebt, weil sie wie eine Sitcom abläuft, also mittellustig.
Frau Isra entschied sich für eine neutrale Holzkiste, bei der sich aber hinterher, also, als sie sie schon gewählt hatte und nicht mehr zurückgeben konnte, so etwas ist verboten, herausgestellt hat, dass sie mit Schnapspralinen der Marke Asbach Uralt gefüllt war. Frau Isra kann wie vermutlich, fast der ganze Rest der 6 Milliarden Menschen auch, Schnapspralinen aber nicht leiden und beschloss daher, diese auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn zu verteilen.
Wir prophezeiten ihr rasenden Absatz, da die Fahrgäste selbstverständlich annehmen würden, es handele sich um eine vorweihnachtliche Sendung mit dem Titel ‚Der Engel aus der U-Bahn’, aufgenommen mit versteckter Kamera, oder die Aktion würde zumindest am nächsten Tag mit Foto der Beschenkten in einer Zeitung erscheinen, wo sich doch alle Zeitungen zu Weihnachten auf Gute Menschen stürzen, um diese als leuchtendes Beispiel dem Leser unterzuschieben, und dies zur Not auch selber inszenieren. Und wie man weiß gibt es für U-Bahnfahrgäste kein größeres Vergnügen, als ihre Visage in irgendeine Kamera halten zu dürfen. Frau Isra sieht das auch gleich ein und will nun beim Verteilen stets dazusagen, dass sie gar kein guter Mensch sei, dass keine Kamera in der Nähe wäre und dass sie die Schnapspralinen ausschließlich aus dem einzigen Grund verteile, weil sie selber Schnapspralinen nicht leiden kann, auch auf die Gefahr hin, dass die U-Bahnfahrgäste daraufhin das Interesse verlieren, und sie sie dann letzten Endes doch noch selber irgendwie entsorgen muss, später am Abend vor dem Fernseher.
Nur Frau März, die in ihrer Schusseligkeit aus Versehen zwei identische Regenschirme mit Aufdruck ergattert hatte und der bei der Architekturbüro - Sitcom die Rolle des integrierten Obentürschließers zugewiesen worden war, fand das jetzt nicht so lustig.

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Im Büro sitzen die drei Kinder Margit, Marianne und Markus, alle um die 40, und ihre Tante Hannelore, Ende 50. Die Kinder haben das Haus ihres Vaters geerbt, die Tante, die Schwester des Vaters, hat ein lebenslanges Wohnrecht darin, es war auch ihr Elternhaus.
Margit, ledig, wohnt in München, Marianne, verheiratet, 1 Kind, in Rom und Markus, verheiratet, 1 Kind, in Reykjavik. Die Tante, verheiratet, kein Kind, wohnt ebenfalls in München.
Mit dabei ist noch die Frau Markus, sie ist Isländerin und spricht nicht deutsch und beschäftigt sich derweil intensiv mit ihrem Mobiltelefon, und das Kind Markus, das höflicherweise die ganze Zeit schläft.
Die Vier möchten nun das Haus renovieren und so aufteilen, dass alle einen eigenen Bereich darin bewohnen könnten, Konjunktiv, wenn sie wollten, in den Ferien, wann sonst.
Ob es Pläne des Hauses gibt wissen sie nicht und sie machen auch keine Anstalten, es herauszufinden. Ich sage ihnen, das mache nichts. Pläne seien in einem Fall wie dem ihren für den Architekten nicht unbedingt notwendig.
Die Obsession von Markus aus Reykjavik, der Punkt, auf den er sich bei der Besprechung ausschließlich fokussiert hat, ist, im Dachboden, der im Übrigen als Kaltdach ausgebildet ist, sofort eine Folie unter die Sparren zu nageln, um dem weiteren Verfall des Hauses entgültig und abschließend Einhalt zu gebieten. Diese Obsession wird ihn die nächsten 2 Jahre begleiten, ohne dass es zu einer Folie im Speicher kommen wird. Marianne bringt eine Zeichnung eines kleinen Hexenhäuschens mit, von der der Architekt zuerst annimmt, sie sei von ihrer 3-jährigen Tochter, die aber von ihr selbst ist und bereits den letztgültigen Umbauvorschlag enthalten soll. Tragende Wände sind in der Zeichnung nicht vorgesehen. Margit wiederum ist sehr für biologische Baustoffe, und Hannelore ist alles egal, solange ihr Wohnrecht nicht in Frage gestellt wird, trotzdem sie auf Nachfrage der Kinder zugeben muss, vor 15 Jahren das letzte Mal dort übernachtet zu haben.
In den nächsten zwei Jahren wird es zwischen den Vieren zu mehreren Einigungen kommen, die mir per Email mitgeteilt werden. Die Vorstellungen sind aus Sicht des Architekten nicht immer realisierbar, was ich aber nicht sagen werde, um unnötige Diskussionen zu vermeiden, denn die erzielte Einigung wird danach jeweils von einem der Beteiligten sowieso sofort wieder in Frage gestellt werden, so dass der Einigungsprozess von vorne beginnt.
Nach etwa zwei Jahren werden sie sich darauf einigen, ihr Elternhaus doch zu verkaufen, weil auf etwas anderes sie sich nicht haben einigen können. Sie werden dabei noch versuchen, ihre Tante mit dem Wohnrecht auszutricksen, worauf es zu unschönen Prozessen kommen wird.
Bis dahin wird der Architekt, außer einige Emails mit nichtsagenden Floskeln beantwortet zu haben, nichts weiter unternehmen, was aber niemandem auffallen wird. Irgendwann werden die Emails aufhören, wir werden ihnen dann auch keine Rechnung stellen, es wäre sinnlos.

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Wenn das Architektenhaus für die Architekturzeitung fotografiert werden soll ist darauf zu achten, dass die Möbel dazu passen. Die Möbel der Architektenhausbewohner passen aber nicht, weshalb der Architekt in einem gemieteten Kleinlaster der Marke Sprinter von Mercedes passende Möbel von zu Hause mitbringt, und dazu zwei Helfer vom Studentenschnelldienst, die die einen Möbel hinter das Gartengerätehäuschen neben die Kompostiertruhe räumen, und die anderen Möbel aus dem Sprinter einräumen und netterweise nach dem Fotoshooting, wie man heute dazu sagt, die einen Möbel wieder in den Kleinlasten laden und die anderen Möbel wieder von hinter dem Gartenhaus hervorholen. Ebenfalls nicht mit dem Architektenhaus harmonisieren die Bewohner, weshalb sie, weil sie sich nicht hinter das Gartenhaus begeben mögen, so gestellt werden, dass sie nicht mehr auf dem Bild sind.