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Londoner Museen und englische christmas partys
Eine Weihnachtsgeschichte

Um Weihnachten zu entgehen sind meine Frau und ich am 24. Dezember nach London geflogen, wo wir eine Freundin besucht haben, die wir längere Zeit nicht gesehen hatten. Außerdem kannten wir die Tate Modern wie auch den Umbau des British Museums noch nicht, was wir bei der Gelegenheit ändern wollten.

Es war wirklich sehr nett in England. Gleich bei der Ankunft lagen schon in Geschenkpapier eingewickelte Päckchen für uns bereit, die ebenso wie die Gastgeschenke schnell aufgemacht wurden, denn dann sind wir mit Umweg über mehrere Weinläden sofort zu einer christmas party gefahren, wo sich 2 Freundinnen der Freundin und ein brasilianischer Mitbewohner befanden. Alle waren schon hackedicht, und ich habe Weinbrand zu trinken bekommen, warum, war mir nicht klar, vielleicht wegen des höheren Alkoholgehalts, ich habe jedenfalls tapfer mitzuhalten versucht, es aber nicht geschafft, den selben dichten Zustand zu erreichen, weil die anderen rasch die mitgebrachten Weinflaschen geleert haben und noch hackedichter wurden als bei unserer Ankunft.

Am 25. waren die Museen leider geschlossen und die U Bahnen ebenso, daher veranstalteten wir eine christmas party zu Hause, wo sich auch ein blinder Hund einfand, der immer gegen alle möglichen Hindernisse rannte. Der Besitzer sagte aber, das wäre ganz normal, seine Schnauze wäre eben der Blindenstock. Am 26. gingen die U-Bahnen wieder, aber die Museen waren immer noch zu und so wir sind zu einer weiteren christmas party gefahren. Dort waren 3 Paare mit vielen Kindern. Auf dem Weg von und zu den christmas partys sind wir immer weite Umwege gefahren, weil mir die Freundin unbedingt noch was typisch weihnachtliches zeigen wollte, was sich aber immer als eines der bekannten englischen Reihenhäuser herausstellte, das über und über mit beleuchtetem Weihnachtsschmuck behangen war, der ziemlich geschmacklos war und die Klimakatastrophe begünstigt. Beim ersten Haus habe ich leider aus Taktgefühl versäumt zu sagen, das ich es ziemlich ätzend finde, und später ging es natürlich nicht mehr, ohne den Anwurf "Warum hast Du das nicht gleich gesagt" zu provozieren, worauf ich wiederum hätte geantwortet, dass es ja nicht zu ahnen gewesen sei, dass diese Sondereinlagen hin und von cristmas partys obligatorisch seien.

Die christmas partys waren im übrigen nicht so richtig Partys, wo der Bär abging, sondern eher gemütlich, und ich habe dabei gelernt, dass sich in England wohnende Leute sehr wohl fühlen, wenn es gemütlich ist. Gemütlich ist es, wenn das bekannte englische Reihenhaus vollgestopft ist mit Krimskrams bis oben hin, das aufräumen über längeren Zeitraum vermieden wurde, das Kaminfeuer brennt, als Heizmaterial eignen sich Holz, Kohlen, gebrauchte Windeln etc, und wenn die Besucher ausreichend Alkohol mitbringen. Ich kann das nachvollziehen und fand es ebenfalls immer sehr gemütlich und irgendwie auch sehr traditionell britisch, wenngleich man in England immer nur England oder bestenfalls Britain sagen darf, keineswegs aber Great Britain, so wie wir ganz selbstverständlich Großbritannien sagen. Nur der Wein ging ein bisschen ins Geld, weil in England alles unglaublich teuer ist, ein Euro ist gleich ein Pfund, ein Pfund kostet bei der Bank aber 1 Euro 55 Cent. Auf neudeutsch sagt man, das Preisleistungsverhältnis sei lausig. Auch das Essen im Cafe war immer recht kostspielig und bestand hauptsächlich aus Matschekartoffeln mit verschiedenen Sachen drin reingematscht.

Am 27. waren wir dann endlich in der tate modern von Herzog / DeMoiron. Ich fand, dass die große Geste des abgesenkten Eingangs durch einen albernen Zwischenboden und die Abtrennung der Halle im Untergeschoß vom eigentlichen Museum doch ziemlich auf halbem Wege wieder in Frage gestellt worden sei, aber im Verlauf der nächsten Tage lernte ich, dass jedwegliche Kritik an der tate modern, die im übrigen abseits der großen Geste so schlecht nicht ist, nicht so gut ankommt. Möglicherweise verstanden auch nicht alle die Redewendung ‚The Moundain breeded und bore a mouse'. Danach sind wir ins British Museum gefahren, wo Norman Forster den Innenhof überdacht hat, in dem nun die Erlebnisgastronomie untergebracht ist. Die Überdachung sitzt auf einer um die schöne alte Bibliothek gebauten Rotunde, an der beidseitig wieder mit großer Geste breite Aufgänge angebracht sind, die aber nur in ein weiteres Erlebniscafé führen. Da hatten wir von unausgegorenen großen Gesten genug, zumal wir danach wieder auf eine christmas party gehen mussten, wo ebenfalls ein paar Leute rumsaßen und tranken. Die Leute waren diesmal vom Film und hatten daher keine Kinder und auch keinen Hund.

Dann sind wir wieder nach Hause gefahren und ich kann mich nicht erinnern, jemals so intensiv Weihnachten gefeiert zu haben.