< KAMINZIMMER

Als ich einmal Besuch vom Christkind bekam.
Eine Weihnachtsgeschichte

Am 23. Dezember, nachmittags, ich war zu Hause und, ehrlich gesagt, ich langweilte mich gerade etwas, da klingelte es an der Türe und das Christkind stand davor. ‚Ich bin das Christkind', sagte das Christkind, was nicht nötig gewesen wäre, denn ich hatte es sofort erkannt. Ich bat es herein und bot ihm, wie man das so macht, etwas zu trinken an, aber es lehnte dankend ab. ‚Ich will nicht stören', sagte das Christkind, ‚ich möchte nur kurz nachfragen, was Du Dir zu Weihnachten wünscht'. Von der Frage überrumpelt muss ich ein erschrockenes Gesicht gemacht haben, denn das Christkind kam mir sofort zu Hilfe und sagte, etwas aus der Unterhaltungselektronik würde immer gerne genommen. ‚Eigentlich habe ich schon alles', gab ich an, ‚TV mit Satellit und auch einen DVD-Player'. ‚Und einen Camcoder habe ich auch schon', fügte ich schnell hinzu, um weiteren diesbezüglichen Vorschlägen zuvorzukommen. ‚Ein Händi mit Fotofunktion vielleicht', sagte das Christkind erwartungsvoll, ‚mit 8 Megapixel'. ‚Ich besitze noch nicht mal eines ohne', sagte ich, ‚und ich will auch keines. Immer erreichbar sein müssen nur die Dienstboten.' Den Spruch hatte ich irgendwann mal gelesen. Das Christkind schaute skeptisch. ‚Und das funktioniert, ich meine, bist Du dadurch irgendwie, wie soll ich sagen, freier oder so?' ‚Eigentlich nicht, das hat doch wohl eher symbolischen Charakter', gab ich zu. ‚Na, wir werden schon was finden, was hier fehlt', sagte das Christkind und machte sich daran, die ganze Wohnung zu durchforsten.
Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, schließlich kennt jeder die Frau des Müllers, die bei der Wünscherei plötzlich ein Wienerwürstchen an der Nase kleben hatte, und wie König Midas wollte ich auch nicht enden, zuerst fast verhungern und dann mit Eselsohren.
Das Christkind rief von Zeit zu Zeit weitere Vorschläge aus Küche, Bad oder Schlafzimmer, wie ‚Sitzheizung' oder ‚14 Tage DomRep all inclusive' oder ‚Spielekonsole', aber ich hatte schon oder wollte nicht. Irgendwann kam es dann wieder ins Wohnzimmer, sah ziemlich fertig aus und setzte sich aufs Sofa. Ich brachte Eistee, den es diesmal annahm, und war dann auch schon eingeschlafen. Ich schaute noch ein bisschen Fernsehen, dann deckte ich das Christkind zu und ging selbst schlafen.
Am Morgen des Heiligen Abends war das Christkind schon auf der Suche nach möglichen Wünschen, als ich aufstand. Wir frühstückten zusammen. ‚Immer noch ohne Wunsch', fragte es und betrachtete skeptisch meine Kleidung. Ich hatte zur Feier des Tages ein frisch gewaschenes schwarzes Hemd an und schwarze Hosen. ‚Heute machen wir wohl auf Existentialist', fragte es skeptisch, ‚und Existentialisten haben keine Wünsche ans Christkind, ist es das?' ‚Nein, nein', beeilte ich mich zu sagen, ‚reiner Zufall, ich wollte Dich nicht brüskieren, es tut mir leid. Ich zieh mich sofort um.' ‚Ist schon gut', sagte das Christkind, ‚ich habe wohl überinterpretiert, das tut nun wiederum mir leid. Aber im ernst, ist Dir heute Nacht denn gar nichts eingefallen?' ‚Wir könnten heiraten', schlug ich vor, denn wie jeder weiß ist das Christkind weiblich und auch kein Kind. Das ginge nun wirklich nicht, sagte das Christkind und zog eine Schnute, das sei ein ganz blöder Wunsch. ‚Wie wäre es stattdessen mit Frieden auf Erden'? fragte es fröhlich. ‚Wir sind doch nicht bei einer Misswahl, wo sich die Siegerin immer Frieden auf Erden wünscht', rief ich verärgert. ‚Das war doch nur ein Scherz', sagte das Christkind, ‚bei mir gibt's Äpfel und Schokolade und Unterhaltungselektronik, handfeste Sachen eben, nichts Ideelles. Um Frieden, Freude', - ich dachte, jetzt kommt gleich Eierkuchen, aber es sagte – ‚Glück müsst Ihr Menschen euch schon selber kümmern.' Ich war dann doch enttäuscht, ließ es mich aber nicht anmerken, und das Christkind machte sich wieder auf die Suche nach Wünschen, diesmal in der Garage. Später am Nachmittag zündeten wir eine Kerze an, tranken Glühwein und unterhielten uns über die neuen Modelle, die auf der Cebit vorgestellt worden sind und die nun im Handel erhältlich waren, das Christkind kannte sie natürlich alle, und machten dann noch einen Spaziergang durch die nächtliche Stadt, die zu Ehren des Christkindes festlich beleuchtet war.
Die beiden Weihnachtsfeiertage verbrachten wir geruhsam meist zu Hause, und erst am 27. Dezember ging die Suche nach den Wünschen wieder weiter. Ich wunderte mich zwar, weil ja Weihnachten vorbei war, aber vielleicht bezog sich das nun schon auf das nächste Weihnachten. So ging der Winter ins Land, die Tage wurden wieder länger und wärmer und die Narzissen begannen zu blühen. Dann, eines Nachmittags, ich war gerade zu Hause, obgleich ich zugeben muss, dass ich mich längst nicht mehr so oft gelangweilt hatte in letzter Zeit, klingelte es wieder an der Haustüre und der Osterhase stand davor. Ich bat ihn herein und bot ihm an, sich zum Christkind aufs Sofa zu setzen, das Zeitung las, um neue Anregungen für Wünsche für mich zu holen. Ich ging derweil ins Schlafzimmer, packe notdürftig ein paar Sachen zusammen und verließ leise das Haus durch die Hintertüre.