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Über Leben und Wirken von Carin E. Stoller

Erzählen Sie uns von Frau Stoller.
Von Carin Stoller, der Künstlerin? Eine Malerin. Im Moment malt sie Erbsen, so weit ich informiert bin.
Erbsen.
Erbsen. Vorher hat sie schmutzige Töpfe im Spülbecken gemalt, wobei dafür die Bilder nicht realistisch genug gemalt sind, es hätten auch bereits gespülte Töpfe sein können. Jetzt malt sie Pflanzen, meist als Arrangement, aus ihrem natürlichen Zusammenhang genommen. Früher hat sie noch mehr Landschaften gemalt, und Straßen, in der Nacht und bei Regen, auf denen ein Auto gefahren kam. Aber immer ohne Menschen, sie malt niemals Menschen.
Das verstehe ich, Arcimboldo, der hat anfangs Portraits gemalt, bis er gemerkt hat, dass die Erbsenschoten besser ankommen, wie die Älteren von uns noch wissen.
Wir wollen uns doch auf Frau Stoller beschränken.
Frau Stoller erfasst Objekte der Natur und des alltäglichen Lebens in ihrer Schönheit.
Bitte?
Die Definition von Stillleben.
Da kenne ich mich nicht so aus.
Beinhalten ihre Bilder eine verschlüsselte Botschaft, einen gedanklichen Inhalt, die Verschlüsselung bestimmter moralischer Botschaften?
So wie die Stillleben im 17. Jahrhundert? Doch eher weniger bis gar nicht. Frau Stoller würde, auf ihre Bilder bezogen darauf angesprochen, so etwas entrüstet als bedeutungsschwanger von sich weisen.
Also mehr primär dekorativer und repräsentativer Selbstzweck.
Das sagen Sie so negativ. Ich würde es anders formulieren: Der Wunsch, das Auge zu erfreuen. Aber auch Selbstzweck formalbildnerischer Problematik, ganz sicher.
Formale und farbliche Charaktere deren Beziehungen ein Studium von Komposition im Sinn einer Bildordnung, eines Farb- und Formgefüges ermöglichen.
Jedenfalls frei von symbolischer Aufladung, die Gegenstände. Behaupte ich mal. ‚Farbliche Charaktere, deren Beziehungen ein Studium von Komposition im Sinn eines Farb- und Formgefüges ermöglichen' trifft es ganz gut. Am aller Wichtigsten ist ihr dabei die Farbe.
Kennen Sie Frau Stoller denn gut?
Also, gut nicht so, wer kennt jemanden schon gut, eher lang, noch aus Lindenberg im Allgäu, da ist sie her, Das ländliche Allgäu und die industrielle Kleinstadt Lindenberg haben sie sicher stark geprägt, auch wenn sie nun schon viele Jahre in München lebt. Ihr Elternhaus mütterlicherseits war bäuerlicher Herkunft, ihr Vater war Direktor bei Kraft. Sie hat mir einmal erzählt, dass er den Namen Velveta für die Streichkäseecken erfunden hätte.
Ich dachte bislang immer Lindenberg sei in der Mitte von Nirgendwo, dass da Velveta erfunden wurde überrascht mich jetzt doch sehr.
Dummkopf. Lindenberg ist außerdem ganz im Gegenteil der Nabel der Welt, und ‚in der Mitte von Nirgendwo' ist nichts als ein alberner Anglizismus.
Gibt es überhaupt noch Kraft Velveta Schmelzkäse? Wer isst so was noch?
Da müssten Sie bei Google nachschauen, oder im Discounterladen, bei Penny oder Plus.
Wie war Frau Stoller als Schülerin?
Aufsässig, eine Kämpferin gegen das autoritäre Schulsystem, immer bereit sich zu anzulegen wenn sie etwas als ungerechtfertigt fand. Die rote Karin hieß es, aber wohl in erster Linie wegen ihrer roten Haare. Bei ihren Mitschülern war sie beliebt, bei manchen Lehrern weniger,
wobei man berücksichtigen muss, dass es zu der Zeit viel einfacher war, Erwachsenen auf die Palme zu bringen als heute.
Und danach?
Nach dem Abitur ging sie nach München, studierte in Pasing an der PH, arbeitete über ein Jahr am Fliesband bei Agfa als Akkordlöterin und bei Zettler, war dann Kunsterzieherin in Aichach, und studierte danach noch an der Kunstakademie bei Prof. Baschang.
Nach dem ländlichen Leben das studentische, das proletarische, das pädagogische und das akademische Leben.
Die gesamte Bandbreite.
Und hat sie sich dabei auch gleich wieder mit den Autoritäten angelegt?
Das hat sich im Lauf der Zeit etwas gegeben. Als Künstlerin hat man keinen direkten Konfrontationspartner mehr vor der Nase, und die Zeit, in der auf den Gängen der Kunstakademie Motorradrennen stattgefunden haben, war da auch schon vorbei. Mittlerweile ist sie sogar verheiratet.
Jetzt unterschreibt sie nur noch Petitionen von AVAAZ gegen den Walfang?
Jetzt ist sie ruhiger, vielleicht auch ängstlicher, aber doch nicht plötzlich naiv. Ihr Kollege hat gesagt, sie kämpfe ‚gegen jede dem Manne eher unscheinbar erscheinende Details versteckter Unterprivilegien der Frau'.
Hm. Das jetzt also das kleine Programm.
Die Frauengruppen machen heute halt mehr in Yoga als in Feminismus, das wird sich auch wieder ändern.
Kann sie denn auch noch was anderes als Erbsen und Töpfe malen?
Was ‚was anderes', Börsenmaklerin, Hochsprung oder so? Oder japanisch sprechen, chinesisch kochen?
Was anderes als Malerei. Ich dachte an Performance, Motorsägearbeiten, was Künstler halt noch so machen.
Skulpturen und Druckgrafik, aber mehr nebenher. Vor allem aber Radierungen, besonders bei der Verarbeitung von Reiseeindrücken. Und sie kann noch Musik.
Singen?
Eher weniger, auch wenn man ihr das so nicht sagen sollte. Sie spielt Bass. Aber sie singt tatsächlich auch bei einigen Liedern.
In einer Band?
In so einer Indiepopband. Nearly Perfect. So heißt die Band.
Blöder Name. Sind sie wenigstens gut?
Ja. Eins A Musik, gute Performance, leider wenig bekannt. Aber zu Ihrer Frage von vorhin, sie kann tatsächlich ein paar Sätze japanisch. Zum Beispiel Guten Appetit, oder Auf geht's.
Lieber nochmals zu ihren Bildern. Wer ist ihre Zielgruppe?
Falsche Frage. Die stellt sie sich nicht, Frau Stoller denkt nicht in Marktkategorien.
Anders formuliert: Wer hängt sich heutzutage noch Stillleben an die Wand, die nicht mindestens die Entstehung und Konsolidierung einer nationalen und kulturellen Identität nachzeichnen, oder die regenerative und sexuelle Naturkräfte darstellen, Bilder, auf denen das Menschliche, das Natürliche und das Göttliche verschmelzen?
Häh?
Verzeihung. Was ich eigentlich sagen will, die, die Geld haben, wünschen sich gegenseitig interessante Zeiten, wenn sie sich begegnen, was in China übrigens als Schmähung gilt, hier aber das Credo des gesellschaftlichen Lebens darstellt. weil sie nur so zu ihrem Geld gekommen sind. Es gibt also nicht gerade einen Hype für Stillleben in der Malerei, dann eher noch in der Fotografie.
Das stimmt nur bedingt. Peter Handke hat sich zum Beispiel mehrfach öffentlich geäußert, dass er es unpassend fände, dass sein Verleger, Dr. Unseld vom Suhrkamp Verlag ein Portrait von sich hängen hätte, ein Siebdruck, wie ihn Warhol in seiner Fabrik hatte fertigen lassen für alle, die berühmt genug waren oder genügend Geld dafür bezahlt hatten, bei Unseld trifft vermutlich letzteres zu, und nach Unselds Tod weigerte sich dann Handke entgültig in die Kletterbergstraße zu gehen ‚wenn ich diesen Warhol anschauen muss'. ‚Da braucht man ein Stillleben, das wäre gut für einen Verlag' soll er zu Unselds Witwe und heutigen Verlagsleiterin gesagt haben. Es gibt also durchaus noch Leute, die Stillleben als gesellschaftlichen Wert schätzen.
Welche Ziele im Leben hat Frau Stoller?
Ziele, am Besten noch hochgesteckte Ziele, sind etwas für jemanden, der glaubt, damit besser dazustehen als Menschen, die kein Ziel im Leben haben. Frau Stoller hat meines Wissens keine Ziele. Wo sie herkommt hat man gelernt, etwas zu tun, es gut zu tun, und das in Zusammenspiel mit anderen zu tun, mit anderen Künstlern, mit Schülern, mit Freunden. Eine soziale Skulptur hat sie mal einer genannt.
Der Weg ist das Ziel.
Blödsinn. Wenn es kein Ziel gibt kann auch ein Weg keines sein. Eher der Wunsch nach der Wiederkehr des immergleichen.
Sie meinen, ihr Leben ist angelegt wie ein langer ruhiger Fluss
Wahrscheinlich, das ist doch ein Filmtitel, aber den Film kenne ich nicht. Aber ich weiß, was Sie meinen, wie die Filme, wo immer was los ist, aber eigentlich nie was passiert. Im Gegensatz zu Filmen mit Bruce Willis, wo ständig was passiert, aber darüber hinaus nix los ist.
Verstehe.
Das möchte ich bezweifeln, aber egal. Frau Stoller hat sich übrigens vor kurzem ein Haus mit Studio in die Obstwiese neben ihrem ehemaligen Elternhaus in Lindenberg gebaut. Das würde dazu passen.
Das ist aber irgendwie alles das Gegenteil des klassischen nature morte, was Sie mir da erzählen.
Dann sind die Bilder mit den Erbsen drauf, die Frau Stoller malt, eben auch keine Stilleben im klassischen Sinn. Ich verstehe davon wie schon gesagt nichts, dazu müssen Sie sie selbst befragen.
Das werde ich. Ich danke für das Gespräch.
Ich danke Ihnen.

Fragen und Antworten von Toma Behlsum
September 2013